Über meine Erlanger Bibliothek

Die Bibliothek ist für viele Menschen ein wichtiger Teil ihres Lebens. Dieser ganz persönliche Gastbeitrag über die Erlanger Stadtbibliothek hat uns tief berührt. Doch lest selbst:

Ich erinnere mich, dass ich schon als Jugendliche hierher kam. Der stille Zufluchtsort in der Innenstadt Erlangens. Der etwas andere Ort, ein Ort des Wissens, des Entdeckens, ein Ort des Abtauchens.

Ich erinnere mich an die alte Stadtbibliothek. Hier im Palais Stutterheim. Es war noch nichts renoviert und die Räumlichkeiten erschienen mir etwas finster und muffig. Das Ausleihsystem beruhte noch auf Stanzkarten oder so etwas und die Schlangen vor der Ausleihe waren meist recht lang. Aber das alles macht nichts aus. Es war Heimat. Schon damals.

Dann zog die Stadtbibliothek um. In das alte Heka Gebäude. In das alte Quelle Gebäude. Was war da zuerst drin, die Quelle oder die Stadtbibliothek? Ich weiß es nicht mehr. Dort war es auch gemütlich, auf seine Art und Weise. Etwas lieblos, aber mehr war nicht rauszuholen aus dieser Lokalität.

Dann kam die Bibliothek wieder in ihre alten Gemäuer, in das Palais Stutterheim. Und wie schön es jetzt hier ist! Der Stuck an der Decke, der schöne Holzboden, der nun überdachte Innenhof. Dort sitzen oft viele Leute in den kleinen Sesseln, an den Tischen. Zeitung lesen, Magazine durchblättern. Im Flüsterton wird Nachhilfe gegeben. Oder eine Mama ruht sich an einem Tisch mit ihrem Kind ein wenig aus. Es wird etwas gegessen und getrunken. Den Alltag anhalten. Auch die Spezies von Erlangen kann man hier antreffen. Sei es der Mann mit der gelben Brille. Oder der Mann mit den weißen, wirren Haaren. Was geht wohl in ihnen vor? Deutsche, Syrer,  Chinesen. Alle da. Ein Ort der Ruhe und des Geborgenseins.

Und das Wissen häuft sich hier in diesen Räumen. Regale voller Bücher und Bücher und Bücher. Ist es nicht wunderbar? Ja das ist es. Was auch immer mich interessiert, hier kann ich meine Nase hineinstecken und neues Wissen in mich aufnehmen. Sei es in die Geschichte deutscher Einwanderer nach Amerika. Sei es in den Lebenslauf Schillers, sei es ein autobiografischer Comic oder Frankens schönste Ausflugsziele.

Und ich bin hier und versuche mich ein bisschen zu verlieren. Abzulenken. Abzulenken von den Gedanken in meinem Kopf. So viele davon. Gedanken über mich, mein Leben. Und diese Gedanken strömen durch die Nischen und die Flure dieser Gemäuer. Und sie verfolgen mich nicht mehr so sehr, wie außen, wie daheim, oder abends, wenn ich wach liege, statt zu schlafen. Diese Gedanken verlieren an ihrer Intensität, sobald ich diese Räume hier betrete. Ich lenke meine Schritte in die Musikabteilung. Doch gehe ich selten auch wirklich zu den Partituren und den Notenalben oder dem Klavier. Warum? Warum, frage ich mich auch heute noch. Meine große Schwester spielte Klavier, ich spielte Klavier. Ich machte mein Abitur im Leistungskurs Klavier. Dass jemand an mich glaubt, an mich und meine Musik. Ich glaube, das hätte mir geholfen.

Meine Gefühle, die mich manchmal zu zerreißen scheinen, wird hier ihre Wucht genommen durch die Umarmung der Bücher, bei meinem Gang durch die Räume dieses Gebäudes.

Meist leihe ich mir einen Krimi aus, Hörspiele, Comics, Fotobände. Heute zum Beispiel habe ich ein Buch über die deutschen Einwanderer in Amerika zur Hand genommen. Ich wusste gar nicht, dass es sogar deutsche Stadtteile in New York gab, Wahrscheinlich ähnlich, wie es heute chinesische Stadtteile gibt, oder Türkische, oder oder. Die Deutschen haben in New York ihre deutschen Feste in die Stadt gebracht, oder auch Schützenvereine gegründet. Es gab kleine deutsche Konditoreien mit Gebäck und Kuchen. Was dachten die Amerikaner wohl damals über die Deutschen dort. Was feiern die da, was essen die da, was machen die da, wie sehen die denn aus?

Eine Ausreise aus der Heimat war es für viele, auf der Suche nach einem besseren Leben. Hoffnung auf eine bessere Zukunft, vor allem für die nächste Generation. Wie sich doch die Geschichte wiederholt. Da mutet das Verhalten vieler Deutscher heute seltsam an, ihre Einstellung gegenüber Flüchtlingen, Emigranten, wie sie doch selbst einmal solche waren. Hat uns nicht die Geschichte gelehrt, dass die Abwertung einer anderen Nation, das Herabblicken auf sie, geradezu lächerlich ist?

Und das sind die Gedanken, die mich erfüllen, hier in der Stadtbibliothek in Erlangen, die mich einst so freundlich aufgenommen hat. Ich werde immer wieder kommen.

M.H.

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4 Kommentare zu „Über meine Erlanger Bibliothek“

  1. Was für ein schöner Aufsatz. Ich wohne schon lange nicht mehr in Erlangen aber die Stadtbücherei bringt immer noch schöne Erinnerungen zurück.. Das war noch vor Google! Hab da manchmal Stunden verbracht. War aber auch entspannender als das Internet und lernen konnte ich immer was. Wünschte mir, dass es hier auch so toll Büchereien gäbe

    1. Liebe Judy, ja … ich habe auch sehr viele schöne Erinnerungen an meine Heimatbibliothek. Schön, dass du bei uns so angenehme Stunden verbringen konntest. Komm uns gern mal wieder besuchen. Marlene

  2. Ich kenne unsere schöne Stadtbibliothek zwar erst seit 20 Jahren, aber:
    Auch für mich immer ein Ort des “Abgeholt-Werdens” – in Zeiten größter Freude, abgrundtiefer Trauer und Ratlosikeiten z.B. in Anfängen von ehrenamtlicher Flüchtlingsbetreuung hier. STADTBIB Erlangen ist für mich ein großes Stück neuer “alter” Heimat – und seit einiger Zeit fast jede Nacht, wenn Schlalosigkeit herrscht, ein wunderbarer >online-Beistand< mittels toller Hörbücher! DANKE!

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