Die Rose und ich

Uta Schneikart empfielt Der Name der Rose © Stadtbibliothek Erlangen

Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort

Ich glaube, es gibt Dinge, Werke, Menschen oder Ideen, die begleiten uns ein Leben lang und zu denen finden wir, je nach Lebenslage, ganz eigene und neue Zugänge. In meinem Fall ist eines dieser Werke „Der Name der Rose“ von Umberto Eco.

Damals, noch im Alter der Videokassetten, als kleines, neugieriges Mädchen viel zu früh die Fernsehaufzeichnung der Verfilmung angeschaut und nachhaltig durch die Bilder traumatisiert und zugleich fasziniert, las ich den Roman in meinen späten Teenagerjahren nochmals und war – nach anfänglichen Schwierigkeiten – schwer angetan. Die Komplexität der Geschichte, die akkurate Darstellung der mittelalterlichen Welt, die theologischen Lehren, die Architektur und nicht zuletzt die Holmes-Watson Dynamik William von Baskervilles und seines Novizen Adson fesselten mich, die zugehörige Verfilmung gehörte zu den ersten DVDs, die in meiner Sammlung Einzug hielten und den Grundstein für meine kleine private Mediathek legten.

Im Studium der Kunstgeschichte entfaltete gerade die ausführliche Beschreibung der Klosteranlage, insbesondere die fast 10-seitige akribische Untersuchung des Hauptportales der Kirche, eine neue Wirkung auf mich. Von Eco selbst als die „Eintrittspforte in seinen Roman“ beschrieben, lobpreisten unsere Mittelalterdozent*innen die Beschreibung und auch die Verfilmung als unbedingt sehenswert für alle Studierenden, die an mittelalterlicher Baukunst und Theologie interessiert waren.

In meiner eigenen Lehrzeit war die Verfilmung des Romans einer der ersten Filme, die fest auf meiner Liste standen als ich mein Konzept für das Seminar „Filmarchitektur – Architektur im Film“ entwarf. Hier warf ich auch das erste Mal nicht nur einen Blick auf die sakrale Architektur sondern widmete mich dem anderen, eigentlichen Hauptort der Geschichte – der Bibliothek.

Grundriss der Bibliothek aus "Der Name der Rose"
Grundriss der Bibliothek aus “Der Name der Rose”

Jetzt, als Bibliothekarin in spe, wenn man so sagen möchte, kommt mir das Bild Ecos der Bibliothek erneut und mit neuer Bedeutung gefüllt, in den Sinn. Ecos Bibliothek ist, wie es Bibliotheken in Medien häufig sind, ein Hort des Wissens. Angelehnt an das Werk Die Bibliothek Babels von Jorge Luis Borges ist die Bibliothek bei Eco nicht zufällig ein Labyrinth, in dem „verbotene“ Bücher und eine schier unerschöpfliche Fülle von Wissen warten. Die Bibliothekare und der ehrwürdige Abt des Klosters jedoch teilen das Wissen ein, sie selektieren den Zugang zu ihm. Laut des Abtes gibt es keine „Erneuerung des Wissens“ nur eine ständige, von Gott gewollte Wiederholung des Althergebrachten. Ecos Bibliothekare hüten nicht, sie kontrollieren und verhindern so eine Weiterentwicklung. Die Gefahr des ewigen Stillstandes des Wissens – die Angst vor Veränderung der Welt durch neue Erkenntnisse – stehen dem unbändigen Wissensdrang, der Liebe zum Wissen und dem Glauben an das mündige Individuum gegenüber, der von William und auch von Adson verkörpert wird.

Das Labyrinth als Sinnbild der Komplexität von Wissen, der Dschungel der Informationen, durch den wir in unserem Beruf anderen ein Helfender/eine Helfende sein sollen – das alles ist in Ecos Roman schon angelegt.

Gerade in dieser Umbruchsphase mit Fake News, einem immer verflochteneren Netz von Informationsressourcen, technischem Fortschritt im Eiltempo und neue Medienkanälen ist es als angehende Bibliothekarin ein tolles Gefühl, wie der – in diesem Fall – braune Faden bei William und Adson gleich eine Assistenz in diesem Labyrinth sein und Nutzer*innen helfend zur Seite stehen zu dürfen. Denn egal, wohin das Labyrinth führen wird, am Anfang war das Wort.

Uta Schneikart

(seit OKtober 2018 bibliothekarisches Studium an der Hochschule für öffentlichen DIenst in München, gerade im Praktikum an der Erlanger Stadtbibliothek)

© Stadtbibliothek Erlangen

 

 

 

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