Mein Lesetipp: Annette, ein Heldinnenepos

Die Schriftstellerin und Übersetzerin Anne Weber hat eine originelle romanhafte Biografie einer außergewöhnlichen Frau verfasst. Für dieses Buch, in dem sie der 1923 in der Bretagne geborenen Anne Beaumanoir, genannt Annette, einer Heldin der Resistance, ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt hat, erhielt Weber den Deutschen Buchpreis 2020.

Annette engagierte sich bereits als Jugendliche in der kommunistischen Resistance und rettete zwei jüdische Jugendliche vor den Nazis. Nur kurz führte sie ein bürgerliches Leben als Neurophysiologin in Marseille mit Ehemann und drei Kindern, blieb aber weiterhin ihren Idealen, den Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit treu. Wegen ihres Engagements für die algerische Unabhängigkeitsbewegung wurde sie in Frankreich verurteilt. Um nicht für zehn Jahre ins Gefängnis zu müssen, floh sie ohne Ehemann und Kinder nach Nordafrika, wo sie die Unabhängigkeitsbewegung noch jahrelang unterstützte und das algerische Gesundheitssystem mit aufbaute.

Anne Weber erzählt dieses ungewöhnliche Leben in passend unkonventioneller Weise. Sie wählt die Form des Epos, verzichtet auf Reimzwang und schafft rhythmische Verse. Die Autorin erzählt episodisch, streut historische Sachinformationen und Klassikerzitate ein und führt den Leser mit leichter Hand durch Annettes wechselvolles Leben, das durch Mut, Idealismus und den Kampf um Gerechtigkeit geprägt ist.

Doch Weber beschreibt in ihrem Epos nicht nur das abenteuerliche Leben ihrer Heldin, sondern geht auch der Frage nach, was Annette in den Widerstand getrieben hat. Weber verschweigt nicht den Preis, den Annette und ihre Familie für dieses widerständische Leben bezahlt haben. Sie betrachtet Annettes Heldentum sehr differenziert und entgeht damit der Gefahr einer Glorifizierung.

Unerwartet lässt die Autorin immer wieder Ironie und Humor aufblitzen. Deutlich spürbar ist ihre Lust an der deutschen und französischen Sprache, humorvoll ihre historischen Einschübe, wie den Sitzkrieg, in Englisch „phoney war“, der in Frankreich wegen der bekannt schlechten Englischkenntnisse der Franzosen laut Weber zu einem „funny war“, einem „lustigen Krieg“ wurde.

Fazit: Ein besonderes Buch, das einer außergewöhnlichen Frau mit einem originellen Schreibstil gerecht wird und sich verblüffend leicht liest.

Und jetzt lesen:

Anne Weber: Annette, ein Heldinneneopos / Matthes & Seitz, 2020 – 207 Seiten

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Christine L.

Als Verantwortliche für zielgruppenorientierte Bibliotheksarbeit halte ich den Kontakt zu Bildungs- und Kultureinrichtungen der Stadt und beschäftige mich mit Themen wie Inklusion, Integration, Sprachförderung oder Demenz. Ich mag Sprachen und lese oft englischsprachige Bücher. #Vielleserin #Netzwerkerin #Sprachfreundin

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