Die “krömerspezifische” Art des Schreibens: ein Autoreninterview mit Philip Krömer

Foto von Philip Krömer © Silviu Guiman 2016

Wenn ihr ein Buch lest, habt ihr auch schon mal über dessen Entstehung nachgedacht? Wie ein*e Autor*in vorgeht, um eine faszinierende, spannende, fesselnde, oder romantische Geschichte aufs Papier zu bringen? Wie lange es dauert, bis diese Geschichte genauso, wie der*die Autor*in es sich vorgestellt hat, geschrieben ist? Dann seid ihr hier genau richtig! Denn hier gibt euch der Erlanger Autor Philip Krömer Antwort auf die oben genannten Fragen und ihr erfahrt noch viele andere spannende Dinge über ihn und seine Bücher. 

Seit September 2020 mache ich einen Bundesfreiwilligendienst Kultur (vormals FSJ Kultur) in der Stadtbibliothek Erlangen. Zu meinen Aufgaben zählt es auch, selbständig ein Projekt durchzuführen, wobei ich mich für eine Interviewreihe mit Autor*innen aus Erlangen und Umgebung entschieden habe. Das erste Interview habe ich Mitte Dezember 2020 mit dem Erlanger Autor Philip Krömer geführt.

Wissenswertes über den Autor 

Der 32-Jährige wurde in Amberg geboren und studierte in Erlangen Buchwissenschaft und Germanistik. Nach seinem Studium ist er dort geblieben und mittlerweile Vater von zwei Jungs. Er hat bereits zwei Bücher veröffentlicht sowie Gedichte und Erzählungen, die in verschiedenen Literaturzeitschriften erschienen sind. Für eine dieser Erzählungen hat er 2015 beim Literaturwettbewerb „Open Mike“ den taz-Publikumspreis erhalten.  Ein Jahr später wurde mit „Ymir“ sein Debütroman im Homunculus Verlag veröffentlicht, den er mitgegründet hat. Der Abenteuerroman spielt vor Beginn des zweiten Weltkrieges und behandelt die Hohlwelttheorie (die Vorstellung, dass die Erde hohl ist und wir in deren Inneren leben).  Sein zweites Buch „Ein Vogel ist er nicht“ ist Ende 2019 erschienen. 

Der eigene Stil

Jeder Schriftsteller hat seinen eigenen Schreibstil. Philip Krömer bezeichnet seinen Stil so: „Sehr verspielt und sprachbewusst. Ich würde ihn auch als sehr melodisch beschreiben. Es gibt immer einen Takt, eine Melodie, der die Sprache folgt. Es ist nicht einfach so, dass sie in Hauptsätzen die Information vermittelt, sondern, dass es auch einen gewissen Rhythmus gibt, der den Leser dann an der Geschichte entlang zieht.“ Außerdem passt der Erlanger seine Wortwahl der Zeit an, in der das Geschriebene geschieht. So verwendete er beispielsweise für seine beiden Bücher viele „etwas altertümelnde Begriffe“, da beide historische Themen behandeln.

Jeder hat seine eigenen Arbeitsweisen

Bis man die richtigen Worte findet und zufrieden ist, mit dem was man schreibt, kann das ziemlich lange dauern und auch ziemlich anstrengend sein. Zumindest empfinde ich das so. Deshalb fand ich es interessant zu hören, wie der Schreibprozess bei Autor*innen abläuft.

Da Philip Krömer zwei Söhne hat, ist sein Schreibprozess sehr von diesen abhängig. So muss er sich für seine Arbeit freie Zeit in seinem Alltag suchen. Wenn er sich gerade in der Ideenfindung befindet, kann er sich kurz zwischendurch hinsetzen, um eine Inspiration loszuwerden, die spontan aus ihm „rauspoltert“. Dies kann er also jederzeit tun und es kann auch jederzeit noch schnell dazwischengeschoben werden. Denn solche Phasen halten meistens auch nur kurz an und schaffen die Grundlagen. Deswegen hat der 32-Jährige immer ein Notizbuch bei sich, falls er spontan „den einen besonderen Einfall“ hat und natürlich sein Handy für Notizen. Problematisch wird es dann in Situationen, in denen man nichts von beiden hat: „Wenn man Schwimmen ist oder Laufen oder sein Handy irgendwo liegen lässt, damit man mal Ruhe hat, ist es schon schwierig. Dann ist ein sehr lustiger Vorgang, dass man sich im Kopf so versucht Eselsbrücken zusammenzubauen um diese Idee, dass man auf keinen Fall diese Idee vergisst. Selbst wenn man die Idee vergisst, dass man noch irgendwie nachher, wenn man einen Stift in die Hand kriegt, sich denkt: ‚Ahh, da war doch das, und diese Eselsbrücke führt zu der und zu der und zu der, und dann ist die Idee wieder da.‘“ Laut Philip Krömer ist das Vergessen einer Idee, vor allem „der Idee“, die alle bisherigen Unzufriedenheiten beseitigt, die „Urangst“ des Schriftstellers.

Wenn er dann alle Ideen zusammen hat, kommt die eigentliche Arbeit: Das „Überarbeiten des Rohmaterials“. Es bedeutet „viel, viel, viel Fleißarbeit.“ Dafür benötigt er im Gegensatz zur Ideenfindung strukturierte Arbeitszeiten. Diese muss sich der Vater fest suchen, weil er für die Textarbeit „seinen Kopf frei haben muss und sich komplett auf das Thema und auf den Text konzentrieren können muss.“

Die Zeit von der ersten Idee bis zum fertig gedruckten Buch

Nachdem wir ausführlich über seinen Schreibprozess geredet hatten (besonders über die Ideenfindung haben wir lange philosophiert, das musste ich leider rauskürzen, sonst wäre dieser Text ein halber Roman geworden), wollte ich nun wissen, wie lange der Autor denn durchschnittlich für ein Buch braucht – vom Sammeln der Ideen bis hin zum fertig gedruckten Buch.

Für sein erstes Buch hat er eineinhalb bis zwei Jahre gebraucht. Seine erste Idee fand er in einem Magazin, in dem der Erlanger etwas über die Hohlwelttheorie gelesen hatte. So entwickelte sich das dann weiter von der Abenteuergeschichte und der zeitlichen Verordnung bis hin zum fertigen Buch. Innerhalb dieser eineinhalb bis zwei Jahre spielten vor allem die letzten drei Monate eine große Rolle, in denen die unfertigen Teile des Manuskripts, das zum Großteil schon stand, „kompakt mit einem 10-Stunden Tag runtergerissen wurden“. Teilweise waren es sogar mehr als 10 Stunden, da der Familienvater auch nachts durchgearbeitet hat. Das musste sein, da die Veröffentlichung schon feststand und das Buch auch rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse rauskommen sollte. Die konkrete Textarbeit lasse sich aber laut Philip Krömer „sehr diszipliniert abarbeiten“, während man „Inspiration nicht erzwingen kann“ – „ich kann ja nicht sagen, so, ich nehme mir heute einen acht Stunden Tag und da bin ich irgendwann so inspiriert, dass mir die guten Ideen kommen. Das funktioniert leider nicht.“

Sein zweites Buch, das aus mehreren Erzählungen besteht, ist über einen Zeitraum von fünf Jahren entstanden. Dies liegt daran, dass einige Geschichten bereits geschrieben waren, bevor er die Idee hatte, daraus ein ganzes Buch zu machen. So schrieb er die erste bereits Anfang 2015 , während die letzte erst kurz vor der Deadline fertiggestellt wurde. 

Spannendes zum neuesten Buch des Autors

Die Erzählungen in diesem zweiten Buch „Ein Vogel ist er nicht“ handeln von bekannten historischen Persönlichkeiten. Es wird erzählt, wie deren Leben bzw. deren Geschichte hätte anders verlaufen können. Wie kommt man auf so ein doch sehr spezielles Thema?

Der Erlanger Schriftsteller interessiert sich sehr für Geschichtsschreibung, besonders für „große Umbrüche in der Weltgeschichte, Katastrophen, Kriege, persönliche Krisen von irgendwelchen Personen, die dann ganz viel ausgelöst haben.“ So ist er zufällig auf die Geschichten und Anekdoten der Persönlichkeiten gestoßen. Wenn sie ihn so gefesselt haben, dass er sich immer mehr damit beschäftigt hat, sind ihm irgendwann „Leerstellen“ aufgefallen. „Punkte, wo man sich sagt, das kann ich mir nicht erklären, hier fehlen ein paar Wochen. Niemandes Leben ist komplett dokumentiert, es gibt auch Ereignisse, die absolut unerklärbar bleiben aus figurenpsychologischer Perspektive, dass man sich sagt, wieso hat er jetzt das gemacht, das passt doch überhaupt nicht zu ihm. Oder auch Brüche, dass man sich sagt: Ich habe einerseits eine Figur, von der ich meine, ich weiß alle Wahrheiten über sie, und dann kommt irgendein neuer Historiker und sagt: ‚Aha, aber es war alles ganz anders, weil historische Dokumente gefunden wurden und Sissi am Kaiserhof leider nicht super entspannt war, sondern sie war manisch-depressiv und hat sich extrem viel Koks spritzen lassen.‘“

Man darf es sich also nicht so vorstellen, dass Philip Krömer sich hinsetzt und überlegt, warum sich beispielsweise van Gogh das halbe Ohr abgeschnitten hat. Es ist eher so, dass er „um drei Ecken“ liest, dass es mehrere Versionen gibt, warum er das getan hat und somit sein Interesse geweckt ist. An solchen Stellen fängt seine Fantasie automatisch an zu arbeiten und aus einer „Leerstelle“ wird so seine eigene Variante.

Sich in unbekanntes Terrain wagen?

Nachdem seine beiden bereits erschienenen Bücher eher Erwachsene ansprechen, wollte ich wissen, ob der Erlanger Autor auch ein Buch für Jugendliche oder Kinder plant. Tatsächlich gibt es ein „teilfertiges Manuskript“ für ein Jugendbuch, in dem er aber Themen miteinander vermischt hat, die so „für ein Jugendbuch nicht tragbar waren.“ Die Verlage fanden den Ansatz zwar gut, haben aber dennoch „dankend abgelehnt.“ Trotzdem möchte der Schriftsteller diese Geschichte nicht komplett außer Acht lassen, da sie ihm sehr am Herzen liegt und auch die Figuren, die er dafür erschaffen hat, „nervös hinter der Tür stehen und sagen: ‚Wann dürfen wir denn endlich die zweite Hälfte unseres Abenteuers bestehen?‘“ Deshalb wird er versuchen, die Geschichte umzuarbeiten. Wann und ob diese überhaupt irgendwann erscheinen wird, steht allerdings noch in den Sternen.

Blick in die (literarische) Zukunft – das kommt demnächst

Was allerdings nicht mehr in den Sternen, sondern schon feststeht, ist, dass ein zweiter Roman für Erwachsene erscheinen wird. An dem arbeitet Philip Krömer zurzeit, er befindet sich gerade in Fertigstellung und es fehlt nicht mehr viel. „Die Mühlen der Verlagswelt und der Buchbranche mahlen sehr langsam.“ Und da das Buch ja auch noch nicht komplett fertig ist, wird es noch etwas dauern, bis es letztendlich herauskommt.
Vom Inhalt her wird der zweite Roman ähnlich dem ersten sein, vielleicht etwas zugänglicher, da dem Innenleben der Figuren mehr Platz eingeräumt wird und sie – wie der Autor sagte – „ausgeprägtere Persönlichkeiten“ haben als in seinen bisherigen Büchern. Der Roman spielt in Nepal und vermischt wie seine bisherigen Bücher historische Fakten mit Fantasie. Der Erlanger Schriftsteller hat sich für dieses Buch ausführlich mit der Kultur und Geschichte Nepals sowie dem Hinduismus beschäftigt, da es viel um hinduistische Religionspraxis gehen wird. Außerdem „um Rebellen, maoistische Revolution und einen Amoklauf eines Prinzen“ – „alles historisch verbürgt, aber eben zwischen den Fakten mit einer sehr krömerspezifischen Geschichte unterfüttert.“

Lockdown – und jetzt?

Zuletzt habe ich noch die Frage gestellt, wie der Erlanger den Lockdown im Frühjahr erlebt hat und wie die jetzige Situation mit dem zweiten für ihn ist (Anmerkung: das Interview wurde Mitte Dezember 2020 geführt).

Der Lockdown im Frühjahr war für ihn und seine Lebensgefährtin als Eltern von zwei kleinen Kindern einigermaßen katastrophal, da er als selbstständiger Schriftsteller in dieser Zeit nicht wirklich weiterarbeiten konnte. „Man findet ja auch im Homeoffice mit zwei kleinen Kindern keine Ruhe und wir wohnen ja jetzt nicht in einer großen Villa, wo ich mich in den Westflügel zurückziehen kann, sondern wir wohnen in einer Großstadtwohnung, da gibt es dann relativ wenig Ruhe.“ Autor*innen bekamen staatliche Subventionen aufgrund ausgefallener Lesungen, was zwar gut ist, aber sie müssen deswegen trotzdem weiterarbeiten und dürfen nicht aufhören. Denn, „wenn du als Schriftsteller aufhörst zu arbeiten, bist du irgendwann weg vom Fenster.“ Um so etwas zu vermeiden, hat sich der Autor nochmal richtig angestrengt und wieder nachts gearbeitet, um trotzdem präsent zu bleiben. So hat er im Laufe des Jahres den Nürnberger Kulturpreis verliehen bekommen, für ihn eine große Bestätigung und „in einem weitgehend desaströsen Jahr ein Höhepunkt, der auch einiges Negatives wieder hat wettmachen können.“ Trotz allem war der erste Lockdown für ihn arbeitstechnisch eine Vollbremsung, weil er sich viel um die Kinder kümmern musste.

Den Zweiten sieht er dagegen etwas entspannter, da die Schulen nicht sofort zugemacht wurden, sondern die Ferien, die er sowieso eingeplant hatte, verlängert wurden. Bleibt zu hoffen, so Philip Krömer, dass sich das Ganze nicht allzu lange hinzieht.

Danksagung

Zum Schluss möchte ich mich nun ganz herzlich bei Philip Krömer bedanken, dass er sich bereit erklärt hat, dieses Interview mit mir zu führen und somit Teil meines Projektes zu sein.

Seid gespannt auf den Beitrag im nächsten Monat, in dem ich euch einen weiteren Autor aus Erlangen vorstellen werde.

Und jetzt lesen:

© Stadtbibliothek Erlangen

 

Über die Verfasserin des Blogbeitrags: 

Hallo, ich heiße Emilie, bin 19 Jahre alt. Nach meinem Abitur letzten Jahres arbeite ich seit September 2020 hier in der Stadtbibliothek Erlangen. Es macht mir sehr viel Spaß und ich bin gerne in der Bibliothek – nicht nur beruflich, sondern auch privat.  Denn da ich in meiner Freizeit gerne lese, Filme und Serien schaue, Spiele mit Freunden und Familie mache oder neue Koch- und  Backrezepte ausprobiere, freue ich mich immer darauf, in die entsprechenden Abteilungen der Bibliothek zu gehen und Neues zu  entdecken.

                                                                                   

6 Kommentare zu „Die “krömerspezifische” Art des Schreibens: ein Autoreninterview mit Philip Krömer“

  1. Vielen Dank für diesen spannenden Beitrag zu dem Autor Philip Krömer. Sein erstes Buch habe ich damals mit Genuss gelesen, diese ganze irre Geschichte mit dem umherirren unterhalb der Erde hat mir im Zusammenhang mit den Illustrationen sehr gefallen.
    Etwas schade finde ich, dass hier bei Philip nur die halbe Wahrheit beleuchtet wurde. Auch wenn es um den Autoren geht, sollte nicht außer Acht gelassen werden, daß er mit dem Homunculus einem feinen kleinen Indieverlag vorsteht und diesen mit drei anderen literarischen Enthusiasten mitgegründet hat. Dieser Verlag bringt Jahr für Jahr richtig gute Bücher heraus, an die sich andere nicht herantrauen. An dieser Stelle großes Lob für die Arbeit in den zurückliegenden Jahren und auf weitere tolle Bücher von Philip und auch aus dem Homunculus Verlag.

    1. P.S. Der Kritikpunkt soll aber die wunderbare Arbeit, die in dem Artikel steckt, nicht schmälern. Sehr gut geschrieben und die Arbeit des Autors schön heraus gearbeitet.

    2. Tatsächlich hatte ich auch Fragen zum Verlag vorbereitet, aber Philip Krömer wollte für die Öffentlichkeit seine Arbeit als Verleger und als Autor gerne trennen.
      Liebe Grüße, Emilie

      1. Lieben Dank für die Erklärung, warum der Verlag nicht vorkommt. Ok, das macht dann Sinn und ich verstehe Philip da auch.

        Liebe Grüße und bleibt gesund.
        Marc

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