Sein Stil? – Infotainment: ein Autoreninterview mit Johannes Wilkes

Foto von Johannes Wilkes ©privat

Wenn ihr ein Buch lest, habt ihr schon mal über dessen Entstehung nachgedacht? Wie ein*e Autor*in vorgeht, um eine faszinierende, fesselnde oder romantische Geschichte aufs Papier zu bringen? Wie lange es dauert, bis diese Geschichte geschrieben ist? Dann seid ihr hier genau richtig! Denn hier gibt euch der Erlanger Autor Johannes Wilkes Antwort auf die oben genannten Fragen und ihr erfahrt noch viele andere spannende Dinge über ihn und seine Bücher. 

Seit September 2020 mache ich einen Bundesfreiwilligendienst Kultur (vormals FSJ Kultur) in der Stadtbibliothek Erlangen. Zu meinen Aufgaben zählt es auch, selbständig ein Projekt durchzuführen, wobei ich mich für eine Interviewreihe mit Autor*innen aus Erlangen und Umgebung entschieden habe. Als erstes habe ich Philip Krömer befragt. Das zweite Interview habe ich Mitte Dezember 2020 mit dem Erlanger Autor Johannes Wilkes geführt.

Cover von "Ein Terrorist im Gepäck" Verschiedene Bücher von Johannes Wilkes © Stadtbibliothek Erlangen

Wissenswertes über den Autor

Dr. med. Johannes Wilkes wurde in Dortmund geboren und studierte in München Medizin. Heute wohnt der Vater von drei Kindern mit seiner Frau in Erlangen, arbeitet in seiner psychiatrischen Praxis für Kinder und Jugendliche und schreibt nebenbei sehr viel. In Erlangen ist er vor allem bekannt für seine Kriminalromane, da viele die Stadt als Kulisse haben. Weitere spielen in Franken oder dem niedersächsischen Spiekeroog – so auch sein erster Kriminalroman „Der Tod der Meerjungfrau“, der 2013 erschien. Im Sommer 2020 wurde bereits ein elfter im ars vivendi verlag veröffentlicht. Der Autor hat aber nicht nur Kriminalromane verfasst, sondern auch belletristische Werke, Sachbücher und Reiseführer. Er erhielt mehrere Literaturpreise, unter anderem belegte er 2015 beim Godesberger Literaturpreis den zweiten Platz.

Der eigene Stil

Wie schon zuvor bei Philip Krömer habe ich auch Johannes Wilkes zuerst gefragt, wie er seinen Schreibstil beschreiben würde. Er erklärte mir, dass dieser abhängig ist von dem, was er gerade schreibt. Bei vielen Werken legt er den Fokus darauf, das mit einzubringen, was er persönlich erlebt hat. Wenn er allerdings einen Kriminalroman schreibt, ist es ihm wichtiger, Spannung aufzubauen und deshalb muss er seinen Stil anpassen, zum Beispiel bei Szenen, die die Leser*innen „besonders in Spannung versetzen sollen“. Damit diese in solchen Szenen deutlicher wird, benutzt der Schriftsteller einen eher „knappen, kurzen Stil“.

Abrundend beschrieb er seinen Schreibstil noch mit folgendem Satz: „Ein Journalist, der einmal ein Buch von mir rezensiert hat, hat gesagt, er würde meinen Stil als `Infotainment` bezeichnen.“ Eine Mischung aus Information und Entertainment – „unterhaltend informieren.“

Cover von "Der Fall Rückert" © Stadtbibliothek Erlangen

Warum Kriminalromane?

Da der Erlanger Autor vor allem für seine Kriminalromane bekannt ist (auf jeden Fall bei den Bibliotheksmitarbeiter*innen, denn als ich meinen Kolleg*innen erzählt habe, dass ich Johannes Wilkes interviewe, meinten sie gleich „Ahhh, der mit den Krimis“) wollte ich wissen, warum er sich dieses Genre ausgesucht hat.

Dass er gerne Kriminalromane schreiben möchte, wurde ihm im Urlaub in Spiekeroog bewusst, wo auch sein erster Fall spielt. „Wenn ich längere Zeit im Strandkorb sitze, dann steigen in mir einige Fantasien auf.“ So kam ihm die Idee, einen Urlaubskrimi zu schreiben.

Nach längerer Zeit fiel ihm auf, dass ein Krimi mehr kann, als nur spannende Geschichten zu erzählen. Er realisierte, dass man über „das Medium des Krimis“ auch die Leser*innen informieren und ihnen für sie noch unbekannte Welten näherbringen kann. Ein Beispiel hierfür wäre sein Kriminalroman „Der Fall Rückert“. Hier erzählt er etwas über das Leben und Werk des Erlanger Dichters und Sprachgelehrten Friedrich Rückert – aber eben nicht nur anhand von bloßen Fakten, sondern eingebettet in eine Kriminalstory. Über die positiven Rückmeldungen der Leser*innen, von denen einige Friedrich Rückert nicht kannten, freute sich Johannes Wilkes sehr. Denn so konnte er Leser*innen, die eher an Krimis interessiert sind, etwas über einen Schriftsteller erzählen, auf den sie sonst vielleicht nicht gestoßen wären.

Warum Erlangen als Schauplatz für die Kriminalromane?

Warum hat sich der Autor gerade seine Heimatstadt ausgesucht? Er ist der Meinung, dass man die Ortschaft, in der ein Krimi spielt, gut kennen muss, damit die Szenerie echt rüberkommt und es nicht „gekünstelt“ wirkt. „Wenn man tagtäglich in Erlangen unterwegs ist, kennt man natürlich nach mittlerweile 30 Jahren in Erlangen so ziemlich jede Ecke und kann das Ganze noch viel anschaulicher machen.“ Außerdem hat es für Leser*innen, die selbst aus Erlangen kommen, einen Wiedererkennungswert.

Cover von "Muschelkäfer morden nicht" © Stadtbibliothek Erlangen

Blick in die (literarische) Zukunft

Hat der Erlanger Krimi-Spezialist denn schon Pläne für einen neuen Fall? – Natürlich hat er das!

In diesem Jahr wird im ars vivendi verlag ein Krimi erscheinen, der in Erfurt spielt: „Der Fall Gloriosa.“ Hier wird es um Gartenbau und die Bundesgartenschau gehen, welche dieses Jahr in Erfurt stattfinden soll.

Im Moment schreibt er auch noch an einem weiteren Krimi, der voraussichtlich auch noch dieses Jahr im Herbst, ebenfalls im ars vivendi verlag, erscheinen wird. Das bekannte Ermittler-Duo Mütze und Karl-Dieter erhält in diesem Fall eine Nachricht, dass Max und Moritz verschwunden seien. Sie machen sich auf in das Dorf, in dem die Geschichte der beiden spielt. Schnell wird ihnen klar, dass es um ein großes Verbrechen geht und nicht Max und Moritz, sondern alle anderen Bürger*innen die Schuldigen sind. Die, die in der Geschichte von Wilhelm Busch ganz brav und unschuldig wirken und von ihm als Opfer der bösen Jungs dargestellt werden. „Ich möchte Max und Moritz komplett umschreiben und vom Kopf auf die Füße stellen. Nicht die Jugend ist an all dem Bösen schuld, Schuld tragen hingegen die Erwachsenen, die mit all ihren Macken, Egoismen und Gemeinheiten die Jugend zu Opfern machen.“

Die Zeit von der ersten Idee bis zum fertig gedruckten Buch

Wie man an seinen Plänen sieht, schafft es Johannes Wilkes, bei der Arbeit an Kriminalromanen in kurzer Zeit relativ viel zu schreiben. Das liegt daran, dass er, wenn er einen Krimi schreibt, wirklich intensiv dranbleiben und jeden Tag etwas tun muss. „Sonst entgleiten mir die Figuren schnell und ich fange immer wieder von vorne an.“ Auch „Handlungen, Verdachtsmomente, falsche Fährten und Spuren müssen alle miteinander verwoben werden.“ So benötigt der Schriftsteller für einen Kriminalroman ungefähr ein halbes Jahr – sofern kein anderes Projekt dazwischenkommt.

Bei anderen Sachen, wie beispielsweise Reiseführern, lässt er sich auch mal mehr Zeit, denn Landschaftsbeschreibungen kann man jederzeit schreiben. Am längsten gearbeitet hat der Schriftsteller übrigens an einer Biographie über den Maler August Macke: Insgesamt zwei bis drei Jahre hat die Fertigstellung gedauert. Die Recherche dafür war sehr aufwendig.  Der Autor ist dafür auch an alle Orte gefahren, an denen der Künstler einmal gelebt hat – von Oberbayern über Köln bis nach Bonn.

Verschiedene Bücher von Johannes Wilkes © Stadtbibliothek Erlangen

Es gibt nicht nur Kriminalromane

Bleiben wir bei den Reiseführern. Dazu kam Johannes Wilkes, weil er zum einen „Spaß an der Recherche“ hat, was er beim Schreiben von zwei Büchern über die Stadt Erlangen – eine „Gebrauchsanweisung für Erlangen“, sowie Geschichten über die Dichter und Denker der Stadt bemerkte. Zum anderen verreist er selbst unglaublich gerne, am liebsten mit dem Fahrrad. Ihm gefällt es, dass er so die Schilderung von Dingen, die er auf Reisen erlebt, mit der Recherche verknüpfen kann.

Am Anfang hatte er die Reisebeschreibungen mehr oder weniger für sich selbst geschrieben und sich irgendwann dazu entschieden, diese zu veröffentlichen, um andere für seine Reisen zu begeistern.  Auch hier plant der Erlanger schon seine nächsten Veröffentlichungen – eine Radtour entlang der Donau sowie eine Radtour entlang der Spree. Letztere hat er während des ersten Lockdowns gemacht, was den Vorteil hatte, dass er ganz tolle Landschaftsbilder schießen konnte, auf denen man sonst vielleicht mehr Menschen als Landschaft gesehen hätte. Diese selbst aufgenommenen Fotos verwendet er für seine Reiseführer.

Lockdown – und jetzt?

Jetzt war er mir mit einer meiner Frage schon voraus, denn natürlich wollte ich auch von dem Erlanger Schriftsteller wissen, wie er die beiden Lockdowns erlebt hat bzw. erlebt. (Anmerkung: das Interview wurde Mitte Dezember 2020 geführt.)

Er bezeichnet sich selbst als „Kaffeehausliterat“: „Ich schreibe sehr gerne in den Erlanger Cafés. Ich hab da so meine Lieblingscafés und Lieblingsplätze. Ich finde das immer sehr animierend in so einer Café-Atmosphäre zu schreiben. Das war für mich schon hart, darauf zu verzichten.“

Genauso wie der Verzicht auf die Reisetätigkeit. Wobei er da auch den Vorteil des „Reiseschriftstellers“ sieht. So durfte er nämlich in einem Hotel an der Spree übernachten, da er einer beruflichen Tätigkeit nachging, der Recherche für ein Buch.

Die jetzige Situation findet er beunruhigender: „Beim ersten Lockdown hat man gedacht, das war‘s jetzt, das halten wir mal durch, geht vorüber. Jetzt weiß man gar nicht genau, wie lange wird das Ganze noch anhalten.“ Besonders schlimm findet der Autor die Situation für die jungen Menschen. Ihn treffen die Einschränkungen nicht so hart wie die jüngere Generation: „Ich bin ja schon ein alter Hase, da ist das nicht so schlimm, wenn man mal für sich ist.“ Junge Menschen hingegen treffen sich besonders gerne, was auch seiner Meinung nach gerade in jungem Alter wichtig ist. Er findet das großartig, wie vernünftig die Jugendlichen sind und wie gut sie mit der Situation umgehen, aber dennoch geht das seiner Meinung nach so auf Dauer nicht.

Cover von "Tod auf dem Poetenfest" © Stadtbibliothek Erlangen

Neben dem Vollzeitjob noch schreiben – Wie schafft man das?

Auch zu Zeiten eines Lockdowns muss Johannes Wilkes in seiner Praxis als Psychotherapeut, genauer gesagt Kinderpsychiater arbeiten. Er hat definitiv meinen Respekt, dass er es schafft, nebenbei noch zu schreiben.

Ich habe mich gefragt, wie viel Zeit er dann letztendlich zum Schreiben hat. „Das hält sich gut die Waage.“ Er sieht seinen Beruf auch als eine Art „Schulung“ für Romane, da er sich sehr intensiv mit den Menschen beschäftigt. Das Schreiben ist für ihn auch eine Auszeit vom eher strikten, disziplinierten Beruf des Arztes, in der er seiner Fantasie freien Lauf lassen kann.  Es ist für ihn eine Art „break“. Nach einem harten Arbeitstag kann er dadurch die Gedanken von der Arbeit lösen und sich entspannen. (Da sieht man mal wieder, wie unterschiedlich Menschen sein können, für mich wäre das nämlich alles andere als entspannend.) Als ich dem Autor das gesagt habe, hat er gelacht und meinte, das sei auch eine Frage des Alters: „Man muss auch erstmal einiges erleben, vielleicht auch ein bisschen mehr erleben. Alles Erlebte, was einem begegnet, was einen beschäftigt, das geht ja nicht verloren, das sammelt sich an und irgendwann kommt es, denke ich, bei manchen Menschen einfach dazu, dass sie sagen ´so, jetzt bin ich so voll mit den ganzen Dingen, die ich so erlebt habe, jetzt ist ein Bedürfnis da, etwas auch irgendwo wieder aufs Papier zu bringen.`“ Aber, was letztendlich ganz wichtig ist – „besser als das Schreiben, ist immer das Leben!“

Der Schreibprozess eines „Teilzeit-Autors“

Wenn sich der Arzt Dr. Johannes Wilkes also vor den PC setzt, um zum Autor Johannes Wilkes zu werden, wie sieht dabei sein Schreibprozess aus? Vor den PC setzen, das macht er übrigens noch gar nicht so lange. „Ich hab am Anfang noch lange alles handschriftlich gemacht und konnte mir das gar nicht vorstellen, dass ich das mal direkt in den Computer alles reinhämmer. Das schien mir ein bisschen seelenlos. Vor allem hatte ich gerade handschriftlich mir immer auch bunteste, ich sag mal Notizen, noch dazwischendurch gemacht mit Pfeilen, Hinweisen und Einschüben.“ Jedes Blatt war deshalb für ihn ein „Unikat“. Seit einigen Jahren ist er dann doch dazu umgestiegen, alles digital zu machen. „Die Laptops sind ja auch so klein und haben gute Akkus, dass man sie auch überall rumschleppen kann und sie nicht so schnell schlapp machen wie früher.“ Für einen Schriftsteller, der eben nicht nur zu Hause am Schreibtisch, sondern auch gerne unterwegs schreibt, ist das natürlich sehr wichtig. Er schreibt nicht nur gerne in Cafés, auch im Biergarten oder einer Bank in der freien Natur lässt er sich gerne zum Schreiben nieder. Denn er ist kein Mensch, der dafür Ruhe benötigt, im Gegenteil, er liebt es, wenn um ihn herum buntes Treiben herrscht. – „Je mehr drum herum, umso besser.“

Cover von "Tod auf dem Poetenfest" mit Klappentext © Stadtbibliothek Erlangen

Danksagung

Zum Schluss möchte ich mich nun noch ganz herzlich bei Johannes Wilkes bedanken, dass er bereit war, mir dieses Interview zu geben und somit Teil dieses Projektes wurde.

Freut euch auf den Beitrag im nächsten Monat, in dem ich euch einen weiteren Autor – dieses Mal aus Nürnberg – vorstellen werde.

Und jetzt Johannes Wilkes’ Bücher lesen:

© Stadtbibliothek Erlangen

 

Foto von Emilie Uhl © Stadtbibliothek ErlangenÜber die Verfasserin des Blogbeitrags: 

Hallo, ich heiße Emilie, bin 19 Jahre alt. Nach meinem Abitur letzten Jahres arbeite ich seit September 2020 hier in der Stadtbibliothek Erlangen. Es macht mir sehr viel Spaß und ich bin gerne in der Bibliothek – nicht nur beruflich, sondern auch privat.  Denn da ich in meiner Freizeit gerne lese, Filme und Serien schaue, Spiele mit Freunden und Familie mache oder neue Koch- und  Backrezepte ausprobiere, freue ich mich immer darauf, in die entsprechenden Abteilungen der Bibliothek zu gehen und Neues zu  entdecken.                                                         

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