Ein Stadtteilhaus mit Bibliothek für Büchenbach: Bürger*innen planen mit!

Stadtteilhaus Büchenbach Baulücke Planspiel

Was möchte ich in Büchenbach erleben? Mit dieser Frage startete ein mehrstufiger Beteiligungsprozess für den Neubau eines Stadtteilhauses mit integrierter Bibliothek. Dieser Beitrag gibt einen Einblick in das Partizipationsverfahren.

Schon lange wartet die Bevölkerung von Büchenbach auf ein Stadtteilhaus mit soziokulturellen Angeboten und einer Bibliothek. Diese Kombination eröffnet vielfältige Perspektiven. Denn öffentliche Bibliotheken entwickeln sich immer mehr zu Begegnungsorten. Ein prominentes Beispiel dafür ist Oodi, die Bibliothek in Helsinki. Dort trifft sich die Bürgerschaft zu gemeinschaftlichen Aktivitäten. Es wird gebaut und gespielt, musiziert und programmiert, gelesen und gelernt. Warum sollen die Büchenbacher*innen nicht einen ähnlich inspirierenden Ort zum Verweilen und für gemeinsames Tun bekommen?

Damit die zukünftigen Besucher*innen des Hauses ihre Ideen vor Baubeginn einbringen können, hat die Stadt Erlangen das Architekturbüro Die Baupiloten für die Durchführung eines Beteiligungsverfahrens ins Boot geholt. Begleitet wurden Die Baupiloten vom Amt für Soziokultur, der Stadtbibliothek, dem Gebäudemanagement, der Jugendkunstschule und der VHS. Auch die für den Bau beauftragten Architekten Rößner + Waldmann waren von Anfang an in das Beteiligungsverfahren involviert und erfuhren so aus erster Hand, was die Menschen vom Stadtteilhaus erwarten.

Wo und für wen wird das Stadtteilhaus gebaut?

Das Stadtteilhaus wird als dreigeschossiger Neubau auf einem Grundstück an der Lindnerstraße gegenüber vom Rudeltplatz gebaut. Im Neubaugebiet Erlangen-West leben mittlerweile rund 7.000 Menschen, im gesamten Stadtteil Büchenbach sind es rund 17.000. Hinzu kommen umliegende kleinere Stadtteile, die zum Einzugsgebiet dazugehören. Für all diese Menschen soll das Stadteilhaus mit integrierter Bibliothek da sein.

Modell Stadtplan Büchenbach mit Grundstück

Wie lief das Beteiligungsverfahren ab?

Ausgehend von den Wünschen und Bedürfnissen der Büchenbacher*innen standen folgende Aspekte im Fokus:

  1. Ideen für Aktivitäten: Was möchten wir dort tun?
  2. atmosphärische Qualitäten: Welche Atmosphären sollen die Räume haben?

Das so entwickelte programmatisch-atmosphärische Raumkonzept bildet die Grundlage für alle weiteren Planungen. Bei jedem Schritt heißt es nun, sich die Ergebnisse des Beteiligungsprozesses wieder vor Augen zu halten.

Wünschepostkarte

Am 15. und 16. März 2019 waren Die Baupiloten gemeinsam mit Kolleg*innen aus verschiedenen Ämtern im Stadtteil unterwegs und fragten die Bewohner*innen nach ihren Wünschen und Ideen für das neue Stadtteilhaus.

Verteilung von Wunschpostkarten in Büchenbach

Auftaktveranstaltung

Am 4. April 2019 informierten sich etwa 100 Büchenbacher*innen über das Beteiligungsverfahren.

Visionenwerkstatt

Am 27. April 2019 fanden die ersten öffentlichen Mitmach-Veranstaltungen in der Heinrich-Kirchner-Schule statt. Für Kinder und Jugendliche wurden zudem Workshops in verschiedenen Büchenbacher Einrichtungen durchgeführt.

Mit folgenden Methoden erarbeiteten die Teilnehmenden gemeinsam Visionen zum Stadtteilhaus:

Partizipation-to-go

Die Teilnehmenden schauten sich Fotos von verschiedenen gestalteten Räumen an, schätzten deren Stärken und Schwächen ein und bestimmten ihre individuellen Vorlieben.

Bau deine Welt

Foto von der gemütlichen Bücherhöhle

Kinder haben ihre Wunschvorstellungen und Bedürfnisse in einem eigenen Workshop ausgedrückt.

Aus vielen Materialien bastelten sie ihren perfekten Lieblingsort.

Gemütliche Bücherhöhle (Luisa, 10 J.)

“In meinem Raum kann man lesen, es ist keine Bücherei, sondern man geht hin, um dort zu lesen. Dort gibt es ein gemütliches Sofa und ein Bücherregal. In dem Raum ist es ganz dunkel. Direkt beim Eingang gibt es einen Korb mit Taschenlampen zum Lesen. Man muss leise sein in meinem Raum, damit niemand gestört wird. Man fühlt sich wohl, es ist kuschelig. Um zu dem Lesebereich zu gelangen, muss man eine Leiter oder eine Stange hochklettern, später kann man an der Stange runterrutschen. Der Raum ist nur für Kinder bis 16 Jahren. Da gibt es Räume für kleine und große Kinder, in meinem Raum ist es farbenfroh.“

Atmo-Mosaike

Welche Atmosphäre soll das Stadtteilhaus ausstrahlen: warm und gemütlich oder lieber luftig und weit? Viele bunte Bildausschnitte lagen bereit. Die Teilnehmenden legten daraus ganz spontan ihr Traumstadtteilhaus zusammen und tauschten sich darüber aus.

Raumtraum verhandeln

Anschließend wurde gespielt: In neun Planspiel-Runden erarbeiteten Kleingruppen im Dialog, was sie im Haus tun möchten und welche Bereiche sie sich dafür wünschen.

„Entscheidend für den Erfolg des Spieles ist, dass die Teilnehmenden Klischeevorstellungen, Voreingenommenheit oder bereits getroffene Vorentscheidungen hinter sich lassen, sich aus ihren Alltagswelten heraus begeben und sich frei inspirieren lassen; nicht an Wände oder andere Architekturelemente denken und sich auf die abstrakte Vorstellung einer Vision einlassen.“ (Die Baupiloten)

Die Ergebnisse der Visionenwerkstatt sind hier ausführlich dokumentiert: Stadtteilhaus West Dokumentation Visionenwerkstatt (PDF).

Weiterdenken-Werkstatt

Am 25. Mai 2019 fand die Weiterdenken-Werkstatt am bewährten Ort in der Heinrich-Kirchner-Schule statt. Sie baute auf der Visionenwerkstatt auf und konkretisierte die Ideen in Tuschelrunden und einem weiteren Planspiel.

Claudia Nägel moderiert die Tuschelrunde "Lesemomente"„Lesemomente im Stadtteilhaus…“

„Ziel dieser Tuschelrunde ist es insbesondere, die Vision, dass Stadtteilhaus und Bibliothek ineinander aufgehen, zu überprüfen und zu konkretisieren. Dafür hilft Bibliothekarin Claudia Nägel den Teilnehmenden ihre „perfekten Lesemomente“ im Stadtteilhaus zu finden und zu verorten. Im Sinne einer zukunftsweisenden Bibliothek, werden dabei nicht bloß analoge, sondern auch digitale Funktionen besprochen. Die klassische Bücherausleihe spielt ebenso eine Rolle, wie lange Öffnungszeiten oder auch Programmierkurse. Es entsteht eine Karte, auf der die gewünschten Bibliotheksfunktionen den einzelnen Bereichen programmatisch zugeordnet sind.“ (Die Baupiloten)

Planspiel. Aus mein wird unser Stadtteilhaus

Im ersten Schritt haben die Teilnehmenden die verschiedenen Bereiche zueinander in Beziehung gesetzt.

„Durch diesen Vorgang lässt sich die jeweilige Größe und Wichtigkeit der Bereiche, ihre Lage zueinander und ihre Synergien untereinander ablesen. Je mehr Bereiche vielseitig nutzbar sind, desto mehr Fläche kann für die Vision des zukünftigen Stadtteilhauses gewonnen werden.“ (Die Baupiloten)

Im zweiten Schritt wurden den Bereichen atmosphärische Qualitäten zugeordnet. Grundlage waren die in der Visionenwerkstatt favorisierten Bilder von Beispielräumen.

Aus den Spielergebnisse haben Die Baupiloten einen detaillierten Plan der verschiedenen Bereiche erstellt. Dieser Plan definiert die Größe und Zuordnung der Bereiche untereinander. Er zeigt zudem die dazugehörigen Atmosphären und dort stattfindenden Aktivitäten auf.

Plan der Bereiche

Die Ergebnisse der Weiterdenken-Werkstatt hier dokumentiert: Stadtteilhaus West Dokumentation Weiterdenken.

Was sind die Ergebnisse des Beteiligungsverfahrens?

Die Leitmotive des Stadtteilhauses

Offenheit

Die verschiedenen Bereiche des Hauses sollen generationsübergreifend je nach Stimmung und Bedarf nutzbar sein. Die Leute wollen sehen, was in den verschiedenen Bereichen los ist. Deshalb gibt es viele offene oder halboffene Räume.

Integrierte Bibliothek

Das Stadtteilhaus ist die Bibliothek und die Bibliothek ist das Stadtteilhaus. Wow! Das ist neu. Es wird also keine eigenen Räume für die Bibliothek geben, sondern alle Bibliotheksnutzungen – Lesen, Lernen, Arbeiten, Spielen, Treffen, Ausleihen, Medien nutzen u.v.m. – verteilen sich auf die verschiedenen atmosphärischen Bereiche des Hauses. Die Bürger*innen wünschen sich außerdem lange Öffnungszeiten im Sinne des Open Library Konzeptes, flächendeckendes WLAN, vielfältige Sitzgelegenheiten im gesamten Haus und eine Medienvielfalt, die neben Büchern und Zeitschriften auch Tablets und Laptops einschließt.

Blickfang

Das Gebäude soll ein Eyecatcher sein, innen wie außen neugierig machen und eine Willkommensatmosphäre ausstrahlen.

Naturnähe

Die Menschen wünschen sich Grün! Bloß keine „Betonwüste“ wie der Rudeltplatz. Das Haus soll also eine lichte und naturnahe Atmosphäre erhalten, geschaffen durch Pflanzen, Wasserelemente, Terrassen und viele Ausblicke ins Grüne und zum Himmel.

Die verschiedenen Bereiche im Stadtteilhaus

Einladender Mitgestalten-Marktplatz

im Zentrum, offen mit Rückzugsnischen, hell und lebendig, zum Freunde treffen, austauschen und informieren, Kaffee trinken, in Medien stöbern …

Ungezwungene Feierbühne

Tanzen, Feiern, Musik machen, für private Feiern und öffentliche Veranstaltungen mit separatem Zugang…

Vielfältige Handwerker-Wiese

Fahrradreparatur, Repair-Möglichkeiten, Handwerken…

Inspirierendes Entdecker-Lab

MedienLabor/Makerspace: konzentriert am Rechner und mit neuen Technologien arbeiten. Einladung zum Experimentieren und Programmieren, Multimedia, selbstorganisiertes Lernen, Workshops…

Helle Atelier-Lichtung

„künstlerisches, kreatives“ Arbeiten…

Gesunde Genießerlounge

Verweilen, gemeinsam kochen, sich über gesunde Ernährung, Sport und Medizin informieren, gärtnern…

Verwinkelte Entspannungsoase

Krafttanken, Meditieren, Yoga machen, Musik hören, Natur beobachten…

Draußen wünschen sich die Menschen ein Grünes Begegnungs-Forum auf dem Rudeltplatz und einen Ruhigen Lagerfeuer-Garten Richtung Süden.

Ihr wollt mehr über die verschiedenen Leitmotive und Bereiche wissen? Dann informiert euch hier: Ergebnis der Bürgerbeteiligung.

Wie geht es weiter?

Es wurde eine Baufamilie mit interessierten Bürger*innen gegründet, die in regelmäßigen Abständen in die Planung eingebunden wird. Basierend auf den Ergebnissen des Beteiligungsprozesses haben die Projektverantwortlichen ab Herbst 2019 ein Raum- und Nutzungsprogramm entwickelt. Am 15. Februar 2020 wurden in der Heinrich-Kirchner-Schule die ersten Planskizzen der Öffentlichkeit vorgestellt und in Themenwerkstätten diskutiert. Der Erlanger Stadtrat hat 5. August 2021 der Vorentwurfsplanung zugestimmt. Der Baubeginn des Stadtteilhauses ist im Frühjahr 2023 geplant, die Fertigstellung bis 2025.

Vorstellung der Planskizzen

Fazit

Noch nie wurde in Erlangen bei der Planung eines Stadtteilhauses ein solch umfassendes Beteiligungsverfahren durchgeführt. 800 Büchenbacher*innen teilten per Postkarte ihre Wünsche mit. 160 Menschen wirkten aktiv in Workshops mit. Auch für die beteiligten Mitarbeiter*innen des Bibliotheksteams war dies eine intensive Erfahrung, die uns viele neue Erkenntnisse und Aha-Momente beschert hat.

Wir freuen uns auf das Stadtteilhaus mit Bibliothek!

Mehr Informationen zum Bauprojekt

Ihr wollt euch auf dem Laufenden halten?

Alle Ergebnisse der Beteiligungsphase und aktuelle Informationen findet ihr auf der Internetseite Neubau Stadtteilhaus West.

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Marlene

Als Verantwortliche für Online-Kommunikation und digitale Medien in der Erlanger Stadtbibliothek bin ich viel im Netz unterwegs. Den analogen Ausgleich finde ich beim Wandern, Reisen und in der Literatur. #Bettleserin #Couchsurferin #BIBchatDElerin

4 Kommentare zu „Ein Stadtteilhaus mit Bibliothek für Büchenbach: Bürger*innen planen mit!“

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