Er schreibt mit Humor und Suppe – ein Autoreninterview mit Andreas Thamm

Foto von Andreas Thamm © Sarah Lill

Wenn ihr ein Buch lest, habt ihr schon mal über dessen Entstehung nachgedacht? Wie ein*e Autor*in vorgeht, um eine faszinierende, fesselnde oder romantische Geschichte aufs Papier zu bringen? Wie lange es dauert, bis diese Geschichte geschrieben ist? Dann seid ihr hier genau richtig! Denn hier gibt euch der Nürnberger Autor Andreas Thamm Antwort auf die oben genannten Fragen und ihr erfahrt noch viele andere spannende Dinge über ihn und seine Bücher. 

Seit September 2020 mache ich einen Bundesfreiwilligendienst Kultur (vormals FSJ Kultur) in der Stadtbibliothek Erlangen. Zu meinen Aufgaben zählt es auch, selbständig ein Projekt durchzuführen, wobei ich mich für eine Interviewreihe mit Autor*innen aus Erlangen und Umgebung entschieden habe. Das dritte Interview habe ich Mitte Dezember 2020 mit Andreas Thamm geführt. Zuvor habe ich die Erlanger Autoren Philip Krömer und Johannes Wilkes interviewt.

Wissenswertes über den Autor

Andreas Thamm wurde 1990 in Bamberg geboren und studierte in Hildesheim kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Nach seinem Studium arbeitete er gemeinsam mit seiner Mitstudentin Juli Zucker an Büchern, wie zum Beispiel „Fernweh ist ‘ne scheiß Idee“ oder ihrem Blog, dem „DERM“. Mittlerweile lebt er in Nürnberg, arbeitet dort als Redakteur und schreibt Jugendbücher für den Magellan-Verlag. Sein erster Roman für Erwachsene „Unter Schluchten“ sowie sein erstes Jugendbuch „Heldenhaft“ erschienen 2019. Anfang dieses Jahres veröffentlichte er mit „Wenn man so will, waren es die Aliens“ sein zweites Jugendbuch. Wenn Andreas Thamm nicht gerade schreibt, kocht er Suppen – zusammen mit Stephan Goldbach gründete er die „SuppKultur“. (Dazu später mehr.)

Der Roman "Unter Schluchten" vor einem Bild einer Schlucht @Stadtbibliothek Erlangen

Der eigene Stil

Wer meine letzten beiden Interviews gelesen hat, weiß, was meine erste Frage an den Autor war – der Schreibstil. Auch er merkte an, dass er unterschiedliche Texte schreibt – von Jugendbüchern über Erwachsenenromane bis hin zu Zeitungsartikeln. Also muss er seinen Schreibstil daran anpassen, „wer das wohl lesen wird und für wen es gedacht ist.“ Er versucht, seine Texte immer mit Humor anzugehen und etwas Ironie oder ab und zu eine Pointe einzubauen. „Generell versuche ich, was nicht immer ganz einfach ist, lieber Sachen einfacher auszudrücken, als unnötig kompliziert.“ Natürlich kann er den ironischen Stil nicht immer rüberbringen, bei einem Zeitungsartikel mit politischen Themen zum Beispiel, wäre das sehr unangebracht. Anders ist das bei kulturellen Themen. „Hier bietet sich das teilweise schon an oder passiert mir auch einfach, dass ein Text eine trotzdem noch witzige Ebene hat, die sich jetzt nicht aufdrängt, aber das vielleicht ein bisschen fluffiger und unterhaltsamer zu lesen macht.“

Über den Schreibprozess

Egal ob für die Zeitung oder ein Buchprojekt – Wie geht Andreas Thamm beim Schreiben vor? Wenn er schon einen Text hat, an dem er gerade arbeitet, macht er es so, dass er das, was er am Vortag geschrieben hat, noch einmal liest. So fallen ihm im Nachhinein noch Fehler auf oder Dinge, die er doch gerne anders hätte. Durch das Überarbeiten von Altem kommt er wieder in die Arbeit rein, sodass er „den Ton im Ohr hat … oder in den Fingern.“

Einmal in der Schreibphase angekommen, hat er auch immer die Themen im Hinterkopf, die für seine aktuelle Arbeit wichtig sind. Parallel zum Schreiben beschäftigt er sich also mit diesen Themen, liest Artikel und recherchiert dazu. „Dann fängt man an zu googeln und kommt auf drei Sachen, die man wieder lesen möchte und daraus ergeben sich wieder neue Inhalte.“

Wenn er einen festen Vertrag mit einer Deadline hat, versucht der Autor so regelmäßig wie möglich daran zu arbeiten, was sich manchmal etwas schwierig gestaltet, weil er oft an mehreren Dingen gleichzeitig arbeitet. „Ich versuche in arbeitstypischen Tageszeiten zu arbeiten, also jetzt nicht irgendwie nachts zu schreiben, außer ich hab ne dringende Idee, die ich sofort aufschreiben muss.“ Vormittags arbeitet er als Redakteur und den Nachmittag nutzt er dann nochmal zum Schreiben. Übrigens geht es ihm ähnlich wie dem Autor Philip Krömer, dass ihm die Ideen oft kommen, wenn er gerade nicht am Schreibtisch ist. Man ist darauf auch in gewisser Weise angewiesen, denn Ideen kommen eben oft spontan und man kann sie nicht erzwingen.

Foto des Jugendbuches "Heldenhaft" @Stadtbibliothek Erlangen

Die Entstehung von „Heldenhaft“

Um seinen Schreibprozess noch etwas konkreter zu machen, geht es jetzt um den Entstehungsprozess von „Heldenhaft“. Das erste Jugendbuch des Schriftstellers erschien Anfang 2019 im Magellan-Verlag. Ein Jahr später erhielt er dafür den Kunstförderpreis in der Kategorie Literatur des Freistaats Bayern.

Genau sagen, wie lange er dafür gebraucht hat, konnte der Autor nicht, da er es zwischen dem Verfassen der ersten ca. 30 Seiten und dem Vertrag mit dem Verlag vernachlässigt hat und es „eine Zeit lang in der Schublade lag.“ Schätzungsweise waren es von der ersten Idee bis zum fertigen Manuskript eineinhalb bis zwei Jahre.

Doch wie oft wird eigentlich so ein Manuskript überarbeitet? Bei Heldenhaft ist Andreas Thamm so vorgegangen, dass er oft neue Abschnitte bzw. die neuste Version seiner Lektorin geschickt hat und daraufhin ab und zu Ideen oder Einwände von ihr zurückbekam. „So habe ich parallel weitergearbeitet und die Sachen, die schon geschrieben waren, überarbeitet.“ Durch diesen Prozess steht irgendwann das fertige Manuskript, das der Schriftsteller wieder seiner Lektorin weitergibt. „Diese schaut zuerst mit einem gröberen Raster drauf und sagt ´vielleicht möchtest du die Stelle kürzen, oder die Stelle länger machen` oder formuliert ihre ersten Ideen dazu. Dann arbeite ich die ein, so wie ich das eben möchte oder kann. Und im zweiten Schritt vom Lektorat geht’s dann wirklich nochmal um so kleinteilige Sachen, einzelne Formulierungen bis hin zu Satzzeichen. Das läuft auch wieder per Mail – sie schickt mir ihre Sachen, ich schau mir die an, schick’s zurück. Nach diesem zweiten Schritt ist das Manuskript eigentlich fertig.“ Genau sagen, wie oft es überarbeitet wurde konnte der Autor daher nicht, da es sich quasi in einem dauerhaften „Überarbeitungszustand“ befindet.

Über das neuste Jugendbuch

Heldenhaft ist nicht das einzige Jugendbuch von Andreas Thamm. Erst Anfang dieses Jahres ist mit „Wenn man so will, waren es die Aliens“ ein zweites erschienen, ebenfalls im Magellan-Verlag. Dieser hat übrigens seinen Sitz in Bamberg, was für den gebürtigen Bamberger ein „witziger Zufall“ war, als er dies im Nachhinein erfuhr. Auch für diesen Jugendroman bekam er 2020 einen Preis des Freistaats Bayern – ein Arbeitsstipendium für Schriftsteller und Schriftstellerinnen.

Als wir miteinander gesprochen haben, war das Buch noch nicht erschienen und ich habe natürlich gefragt, worum es denn darin geht. „Mein Protagonist heißt Josh. Er hat gerade quasi die Schule abgebrochen oder macht zumindest ein Jahr Pause von der Schule, um seinen Vater im Familienbetrieb zu unterstützen, das ist ein altes Hotel an der Nordsee. Wenige Tage nachdem Josh dort eingestiegen ist, ist auf einmal sein Vater weg. Daran schließt sich dann eine Suche an, er wird dabei von zwei Freunden unterstützt, die er schon lange kennt und einem Mädchen, der Kia, die er bisher immer sehr seltsam fand und jetzt nicht unbedingt als seine Freundin bezeichnet hätte, die aber von seinen Kumpels so angeschleppt wird. Sie hat total seltsame Ideen, was mit diesem Vater passiert sein könnte und geht eigentlich davon aus, dass er von Aliens entführt wurde – deswegen heißt das Buch auch so. Es ergibt sich dann diese spannende Suche einerseits nach dem Vater, der die Gruppe nachgeht. Sie trifft dabei total seltsame und skurrile Gestalten in der Umgebung. Andererseits erfährt man die Familiengeschichte von diesem Jungen und seinem Vater, seinem Bruder, von der Mutter, die irgendwann ausgezogen ist zu einem anderen Mann. Und dabei möchte ich eben mit erzählen, dass dieser Vater Depressionen hat, wie die Familie damit umgehen muss. Zusätzlich muss der Junge sich auf einmal um seinen Vater kümmern und noch irgendwie diesen Betrieb am Laufen halten und sehr schnell und ungewollt Verantwortung übernehmen und erwachsen werden.“

Wenn ihr jetzt Lust darauf bekommen habt, das Buch zu lesen, müsst ihr immerhin nicht wie ich erst noch warten, bis es erschienen ist!

Foto des Jugendbuches "Wenn man so will, waren es die Aliens" @Stadtbibliothek Erlangen

Die „SuppKultur“ – was ist das?

Jetzt ein ganz anderes Thema. Zu Beginn habe ich es bereits kurz erwähnt, jetzt erkläre ich es ausführlicher.

„Die Suppkultur ist zwei Sachen.“ Zum einen ist sie eine „gesunde und wärmende Alternative zur Bratwurst.“ Um etwas Abwechslung zur künstlerischen Arbeit zu haben und weil sie gerne kochen, verkaufen Andreas Thamm und Stephan Goldbach anfangs in ihrem Imbisswagen vegetarische, teilweise sogar vegane Suppen aus regionalen Zutaten. „Ganz einfache Sachen, weil wir sind ja beide keine Köche, sondern er ist Musiker und ich bin Autor.“

Zum anderen ist die Suppkultur auch ein Veranstaltungsformat. Andreas Thamm hat das Gefühl, dass Lesungen oft eintönig und langweilig sein können, wenn der Ablauf immer derselbe ist – „der Autor liest heute die gleiche Stelle aus dem Buch wie morgen und dann werden ihm noch drei Fragen gestellt und dann geht er wieder. Bei Konzerten ist es oft ein bisschen ähnlich, dass eine Band immer das Gleiche spielt und es wenig Unterschied für sie macht, wo sie eigentlich auftritt.“ Deswegen laden er und Stephan Goldbach Autor*innen und Musiker*innen ein und versuchen mit Ihnen ein Konzept auf die Beine zu stellen, das einmalig ist und es nur an diesem Abend geben wird. Musik und Literatur sind dabei nicht getrennt zu betrachten, im Gegenteil, sie sollen zusammenarbeiten. Und da der Name nicht ohne Kontext ist, gibt es natürlich zu jeder Veranstaltung eine passende Suppe.

So gäbe es beispielsweise bei einer Grusellesung mit alten fränkischen Sagen und Grusel-Zombie-Geschichten eine Rote-Beete-Suppe, die an Blut erinnern soll. „Damit die Leute dann das quasi hören können, aber auch noch schmecken gleichzeitig. Und wenn man dann diese Suppe rausgibt und alle löffeln, dann hat man auch so ein bisschen eine gemütliche Stimmung im Raum, die sich auch, finde ich, so ein bisschen unterscheidet von Kulturveranstaltungen sonst, wo jeder steif dasitzt und niemand sich traut, einen Ton von sich zu geben. Bei uns kann man einfach ohne schlechtes Gewissen ein Bier trinken und Suppe löffeln und einen schönen Abend haben. Es ist ab und zu passiert, dass Leute bei unseren Veranstaltungen mit Sachen konfrontiert wurden, die sie vorher noch gar nicht kannten und das ist das Beste, was passieren kann.“

Die SuppKultur in Zeiten von Corona

Auch die SuppKultur leidet wie viele andere kulturelle Angebote unter der Pandemie. Zum Beispiel war eigentlich geplant, ab Oktober letzten Jahres ein halbes Jahr lang einmal im Monat Veranstaltungen im Loft vom Gostner Hoftheater durchzuführen, da diese bisher immer in unterschiedlichen Locations stattgefunden haben. Die erste Veranstaltung wäre die schon erwähnte Grusellesung gewesen. Das Ganze musste jetzt auf unbestimmte Zeit verschoben werden.

2019 haben Andreas Thamm und Stephan Goldbach begonnen, auch eigene Projekte zu organisieren – eines davon ist die Erzählstation, ein Projekt im Rahmen von Quartier U1, ein Stadtentwicklungsprojekt. Hierfür haben die beiden mit Zeitzeug*innen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit getroffen und sie interviewt. Der Autor hat die Interviews anschließend aufgeschrieben und der Musiker passende Musik dazu ausgesucht. Im Frühjahr 2020 sollten die ersten Zeitzeug*innen interviewt werden. Aufgrund des Lockdowns haben sich diese nach hinten verschoben, nach den ersten Lockerungen konnten sie – mit Maske und Abstand – in den Altenheimen durchgeführt werden. In der Tante Betty gab es dann den ersten Live-Stream und auch draußen konnten Veranstaltungen stattfinden, zum Beispiel im Garten eines Seniorenheimes, in dem auch eines der Interviews geführt wurde. „Es ist zwar alles immer ein bisschen ärgerlich, wenn Veranstaltungen nicht stattfinden können und wenn man alles nur als Video und online machen kann. Aber jetzt im Nachhinein ist es eigentlich total cool für uns, dass wir diese Videos haben. Dass wir die in unserem Archiv haben, dass wir die zeigen können und dass sie immer abrufbar sind. Wer sich jetzt für die Erzählstation interessiert, findet bei YouTube eine Duo-Lesung von uns beiden.“

Geplant ist, dass die Erzählstation dieses Jahr in eine zweite Runde geht. Der Autor und der Musiker wollen eine Art Stadtführung durch Nürnberg machen: Sie wollen Personen, z. B. Schauspieler*innen oder Stadtführer*innen aus einem bestimmten Gebiet der Stadt Geschichten, die diese erlebt haben, am Ort des Geschehens erzählen zu lassen.

Verschiedene Bücher von Andreas Thamm @Stadtbibliothek Erlangen

Lockdown – und jetzt?

Von der SuppKultur mal abgesehen – wie war der Lockdown sonst für den Nürnberger Autor? „Den ersten Lockdown im Frühjahr, muss ich zugeben, fand ich ehrlich gesagt so ganz angenehm. Das ist natürlich eine ganz schlimme Situation für ganz viele Menschen auch damals schon gewesen und man möchte das überhaupt nicht. Aber ich habe das damals so ein bisschen genossen, dass alles zur Ruhe kommt.“ Denn der Schriftsteller war viel im Home-Office, hatte dadurch mehr Zeit zum Kochen und neue Rezepte zu testen oder für tägliche Spaziergänge mit seiner Freundin. Außerdem ist er jemand, der immer das Gefühl hat, etwas zu verpassen und überall dabei sein zu müssen. „Auf einmal war alles so stillgelegt und ich konnte nichts mehr verpassen, weil es ist überhaupt gar nichts passiert.“ „Der zweite Lockdown im Herbst kommt mir im Vergleich zum ersten viel schlimmer vor, viel dramatischer, auch was die Zahlen angeht. Weihnachten steht vor der Tür und man hat irgendwie kein gutes Gefühl damit, draußen ist es nicht mehr schön, es ist kalt und dunkel. Jetzt gerade habe ich das Gefühl, dass ich selbst und auch alle, mit denen ich darüber spreche, sich durch diese Zeit durchschleppen müssen. Also ich find’s nach wie vor gut, dass ich jetzt mehr Zeit zum Lesen habe und ein bisschen Lektüre nachholen kann, aber jetzt wird es schon langsam anstrengend auf jeden Fall. Und ich glaube, so geht’s gerade vielen Leuten.“

Danksagung

Nun möchte ich mich zum Schluss noch bei Andreas Thamm bedanken, dass er sich bereit erklärt hat, mir dieses Interview zu geben und somit Teil dieses Projektes wurde.

Freut euch auf den Beitrag im nächsten Monat, in dem ich euch wieder jemanden aus Erlangen vorstellen werde, dieses Mal zur Abwechslung ein weibliches Gesicht.

Und jetzt Andreas Thamms Bücher lesen:

© Stadtbibliothek Erlangen

 

Foto von Emilie Uhl © Stadtbibliothek ErlangenÜber die Verfasserin des Blogbeitrags

Hallo, ich heiße Emilie, bin 19 Jahre alt. Nach meinem Abitur letzten Jahres arbeite ich seit September 2020 hier in der Stadtbibliothek Erlangen. Es macht mir sehr viel Spaß und ich bin gerne in der Bibliothek – nicht nur beruflich, sondern auch privat.  Denn da ich in meiner Freizeit gerne lese, Filme und Serien schaue, Spiele mit Freunden und Familie mache oder neue Koch- und  Backrezepte ausprobiere, freue ich mich immer darauf, in die entsprechenden Abteilungen der Bibliothek zu gehen und Neues zu  entdecken.                                                             

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