Sie schreibt kurz und knapp – Ein Autorinneninterview mit Nataša Dragnić

Foto von Nataša Dragnić © Mirko Waltermann

Wenn ihr ein Buch lest, habt ihr schon mal über dessen Entstehung nachgedacht? Wie ein*e Autor*in vorgeht, um eine faszinierende, fesselnde oder romantische Geschichte aufs Papier zu bringen? Wie lange es dauert, bis diese Geschichte geschrieben ist? Dann seid ihr hier genau richtig! Denn hier gibt euch die Erlanger Autorin Nataša Dragnić Antwort auf die oben genannten Fragen und ihr erfahrt noch viele andere spannende Dinge über sie und ihre Bücher.

Seit September 2020 mache ich einen Bundesfreiwilligendienst Kultur (vormals FSJ Kultur) in der Stadtbibliothek Erlangen. Zu meinen Aufgaben zählt es auch, selbständig ein Projekt durchzuführen, wobei ich mich für eine Interviewreihe mit Autor*innen aus Erlangen und Umgebung entschieden habe. Das vierte Interview habe ich Mitte Januar 2021 mit der Erlanger Autorin Nataša Dragnić geführt. Falls ihr übrigens meine anderen Interviews noch nicht kennt, findet ihr hier eine Übersicht.

Wissenswertes über die Autorin

Nataša Dragnić kommt ursprünglich aus Kroatien, in dessen Hauptstadt sie Germanistik und Romanistik studierte und ihren Magister in Literatur machte. Seit 27 Jahren lebt sie nun in Deutschland bzw. Erlangen und ist als freiberufliche Autorin tätig. Ihr Debütroman „Jeden Tag, jede Stunde“, der 2011 im DVA -Verlag erschienen ist, wurde in mehr als 20 Länder verkauft. Im darauffolgenden Jahr erhielt sie dafür den IHK-Kulturpreis der Stadt Nürnberg. Es folgten drei weitere Romane sowie viele Kurzgeschichten, Essays und Gedichte. Neben dem Schreiben ist sie auch als Fremdsprachendozentin tätig.

Bookface mit Nataša Dragnićs Roman "Jeden Tag, jede Stunde" © Stadtbibliothek Erlangen

Der eigene Stil

Zu Beginn wieder meine Standard-Frage: Wie würde Nataša Dragnić ihren Schreibstil beschreiben?

Die Autorin möchte, dass der*die Leser*in die Möglichkeit hat, selbst mitzudenken und kreativ zu sein. Deshalb schreibt sie mit möglichst vielen Leerstellen. „Leerstelle heißt, dass man nicht alles ausschreibt und alles aussagt, sondern nur das, was man unbedingt braucht.“ So gibt sie dem*der Leser*in viel Platz zur Selbstgestaltung. Dass sie deshalb viel auslässt, ist besonders an ihren Dialogen erkennbar, bei denen oft die Angabe des Sprechers fehlt.

Ihr Stil ist also knapp und spielt viel mit der Sprache – da sie als Nichtmuttersprachlerin Deutsch mit Regeln und Formeln gelernt hat, fällt es ihr leicht, damit zu spielen und daraus neue Wörter zu gestalten. Ein Beispiel für einen solchen Neologismus wäre „zaubervoll“. Jeder weiß sofort, was damit gemeint ist. Mit solchen Konstrukten versucht sie, den*die Leser*in auch durch die Sprache wachzurütteln: Sie möchte vermeiden, dass jemand ein Buch einfach runterliest, bis er*sie irgendwann halt mal am Ende ist.

Außerdem ist es der Schriftstellerin wichtig, beim Schreiben ein gewisses Gefühl zu erzeugen:. „Das Schreiben ist ein Gefühl. Und das Lesen ist ein Gefühl. Und es geht – für mich jedenfalls – in der Kunst überhaupt immer darum, was wir fühlen, wenn wir ein Bild betrachten, wenn wir Musik hören. Und genauso, wenn wir lesen.“ Es gibt Bilder oder auch Musik, die man zwar nicht versteht, aber trotzdem fühlt man sie. Selbst wenn man nichts über den Stil oder den*die Künstler*in weiß, man hat trotzdem dieses Gefühl. Das macht letztendlich für die Autorin Kunst und somit Literatur und Schreiben aus.

Über den Schreibprozess

Wie die Autoren, die ich bereits interviewt habe, hat auch Nataša Dragnić ein Notizbuch, in dem sie ihre Ideen festhält. Allerdings ist davon letztendlich so gut wie nichts wirklich wichtig: „Nur vielleicht 1% davon wird gebraucht.“ Das, was man letztendlich braucht ist nur das, was einem nicht mehr aus dem Kopf geht. Aus diesem Gedanken wird dann ein Roman oder eine Kurzgeschichte. Beides schreibt die Autorin und bei beidem ist auch der Schreibprozess unterschiedlich.

Für eine Kurzgeschichte braucht sie nicht viel Vorbereitung. Natürlich hat sie ein Thema und ein Leitmotiv im Kopf, aber sie beginnt mit dem Schreiben, ohne sich vorher groß Gedanken zu machen.

Bei einem Roman ist genau das Gegenteil der Fall: Sie bereitet sich intensiv vor, macht sich handschriftlich Notizen und denkt viel darüber nach. Das Wichtigste für sie ist dann zu wissen, wie der Anfang und das Ende aussehen. „Die Stationen dazwischen kenne ich nicht unbedingt. Ich weiß, wo ich anfange und ich weiß, wo ich hin will. Das heißt für mich auch, dass ich normalerweise schon den ersten und den letzten Satz fertig habe.“ An diesen beiden Sätzen wird dann bis auf vielleicht zwei, drei Wörter nichts mehr geändert. Als nächstes nimmt sich die Schriftstellerin ein großes Blatt im A3-Format und beginnt, in einer Art Tabelle die Charaktere aufzuschreiben mit allen wichtigen Informationen. Angefangen von Geburtsdatum bis hin zu Beziehungen untereinander, die mit Pfeilen symbolisiert werden. Erst wenn sie alle diese Informationen kennt, kann sie mit dem Schreiben beginnen. Das tut sie am Computer, Kapitel für Kapitel. Für jedes Kapitel macht sie sich handschriftlich Notizen, was darin passiert ist. Das ist wichtig, damit sie zum Beispiel weiß, ob und wann sie schon ein bestimmtes Merkmal einer Person erwähnt hat. Wenn in einem Kapitel viele Personen auftauchen, hat sie für jede eine handschriftliche Kartei, in der sie Sachen vermerkt.

Im Idealfall schreibt sie jeden Tag, mindestens zwei bis drei Stunden. Pausen dazwischen sind für sie nicht immer optimal, da sie dann eine Zeit lang braucht, um wieder reinzukommen, das Gefühl und die Stimmung wieder zu finden.

Die Zeit von der ersten Idee bis zum fertig gedruckten Buch

Wenn Nataša Dragnić also mit dem Schreiben angefangen hat und mittendrin ist, wie lange sitzt sie dann an einem Roman? „Das ist wiederum ganz unterschiedlich, weil, wie gesagt, das sehr und eigentlich ausschließlich davon abhängt, wie viel Zeit ich habe.“ Für ihren vierten Roman „Einatmen, Ausatmen“ hat sie tatsächlich nur 20 Tage gebraucht – ohne die schon beschriebene Vorbereitungszeit.

Das liegt daran, dass sie zu dieser Zeit an einer „Writer in Residence“ in den USA teilgenommen hat, bei der es für sie nichts anderes zu tun gab außer dem Schreiben. „Ich habe gefrühstückt, dann habe ich geschrieben, dann habe ich zu Mittag gegessen und bis zum Mittagessen hatte ich schon zehn Seiten geschrieben. Und nach dem Mittagessen, was mache ich jetzt? Bin spazieren gegangen und danach, ja bis zum Abendessen, was soll ich machen, da gibt’s nichts, also habe ich noch ein wenig geschrieben. So habe ich es geschafft und das war gut. Deswegen ist dieser Roman für mich ganz, ganz besonders, denn so intensiv habe ich mich noch nie mit einem Text oder mit irgendetwas beschäftigt. Ich war so was von drinnen, fast 24 Stunden am Tag.“

Ganz anders sah es bei ihrem ersten Roman aus, für den sie hochgerechnet ungefähr vier Jahre gebraucht hat. „Manchmal habe ich monatelang nicht geschrieben, weil ich keine Zeit hatte. Da kam mir diese Wirtschaftskrise 2009 sehr gut entgegen, da war ich plötzlich über Nacht buchstäblich ohne irgendeinen Lehrauftrag und ja gut, was soll ich jetzt machen … da habe ich das Buch zu Ende geschrieben innerhalb von einem Monat.“

Blick in die (literarische) Zukunft

Im Moment arbeitet Nataša Dragnić an einem neuen Manuskript. Für ihre Verhältnisse wird es ein recht umfangreiches sein und da sie erst am Anfang ist, wird sich noch zeigen, ob ein großes Buch oder vielleicht auch eine Trilogie entstehen wird.

Auf jeden Fall wird die Stadt Venedig darin eine große Rolle spielen. „All die Charakteristika, die Venedig hat und die man mit Venedig verbindet, werden nicht nur auf die Geschichte selbst, sondern auch auf den Protagonisten übertragbar sein.“

Für die Schriftstellerin ist es in vielerlei Hinsicht ein wichtiges Projekt, für das sie schon sehr lange Informationen über die italienische Stadt gesammelt hat – in ihren Regalen stehen mittlerweile um die 150 Bücher über Venedig. Natürlich hat sie nicht vor, alle zu lesen, viele davon enthalten auch hauptsächlich Bilder. Aber es ist wichtig, dass sie als Autorin sich mit dem Thema, über das sie schreibt, gut auskennt, damit ihr Text für den*die Leser*in glaubhaft wirkt.

Der Roman "Der Wind war es" vor einem Foto einer Pusteblume © Stadtbibliothek Erlangen © Stadtbibliothek Erlangen

Sich in neues Terrain wagen?

Da die Schriftstellerin hauptsächlich Romane und Kurzgeschichten schreibt, stellte sich für mich die Frage, ob sie sich denn vorstellen könnte, auch andere Genres auszuprobieren. „Kinderbücher vielleicht, aber das weiß ich nicht.“

Ein anderes Genre, die Lyrik hat sie schon ausprobiert, auch für Jugendliche. „Ich habe auch neulich sogar ein Gedicht veröffentlicht. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht, weil es für mich etwas Neues ist und da lasse ich mich nur durch mein Gefühl führen.“ Lyrik fällt ihr sehr leicht, da sie ja wie bereits erwähnt knapp schreibt, was bei Lyrik wichtig ist. Trotzdem hat sie selten das Bedürfnis, ein Gedicht zu schreiben.

Die Autorin sagt von sich selbst, sie sei offen für alles. Da habe ich gefragt, wie es denn mit Krimis aussieht: Sie liebt es, Krimis zu lesen – „In meinen Romanen erscheinen immer irgendwo irgendwelche Leichen. Aber das sind keine Krimiromane, es ist nur meine Hommage an Krimiromane.“ Krimis zu schreiben, das ist etwas, bei dem sie sich nicht sicher ist, ob sie das könnte. Ihrer Meinung nach wird ein Krimi anders vorbereitet: Besonders die Verhöre stellt sie sich schwierig vor. Man schreibt ein Verhör, vielleicht zehn Seiten lang und von diesen zehn Seiten ist am Ende nur eine Information wichtig. Ob ihr diese Vorgehensweise liegt, weiß sie nicht.

Über die Schreibkurse der Autorin

Neben dem eigenen Schreiben gibt Nataša Dragnić auch Schreibkurse. Meist finden diese innerhalb der Region statt, zum Beispiel auch hier in der Stadtbibliothek, in der sie schon mal einen Kurs über kreatives Schreiben für Kinder angeboten hat. Außerdem unterrichtet die Erlangerin Schreibdidaktik an der Akademie Faber-Castell.

Egal, wo oder für wen sie die Schreibkurse hält, es funktioniert immer nach demselben Prinzip: „Was wichtig ist, ist, dass wir, wo immer ich Schreibkurse gebe, an Texten arbeiten. Das heißt, es wird nicht theoretisiert, es wird nicht abstrakt über irgendetwas gesprochen, wie es sein muss, wie zum Beispiel Dialoge sein müssen. Sondern es wird geschrieben und anhand des Aufgeschriebenen werden alle Aspekte besprochen.“

Die Arbeit am Text ist für die Schrifstellerin das einzig sinnvolle. So kann man genau am Text sehen, was schon funktioniert und was noch nicht. In ihren Kursen handhabt sie es so, dass jede*r Teilnehmer*in die Texte der anderen liest, sodass jeder alle Texte gelesen hat. So beschäftigt man sich nicht nur mit dem eigenen Text. „Das ist unglaublich wichtig, weil an einem fremden Text, zu dem man eigentlich keinen Bezug hat, vor allem keinen emotionalen Bezug, sieht man das, was nicht funktioniert. Bei dem eigenen Text ist man so emotional damit verbunden und deshalb meistens oder sehr oft blind für den Text an sich.“ Genau das möchte die Schriftstellerin den Schreibenden beibringen – dass sie weniger blind werden für den eigenen Text und den Abstand bekommen, um Lektor*innen vom eigenen Text werden zu können.

Laut Nataša Dragnić nützt das Theoretische nicht viel. Anleitungen zum perfekten Schreiben hören sich so einfach an und man denkt sich, das ist doch leicht, aber wenn man sich hinsetzt und schreibt, ist das etwas ganz anderes. „Es gibt Bücher voll mit irgendwelchen Regeln, die man beim Schreiben befolgen muss oder nicht brechen darf. Dann lese ich ein Buch und sehe, wie diese Regeln gebrochen werden und es funktioniert. Wenn der Text funktioniert, spielen die Regeln überhaupt keine Rolle. Der Text muss in sich stimmen und bei der*dem Leser*in ankommen, alles andere ist egal.“

Was wirklich nützt, ist lesen. Laut der gebürtigen Kroatin ist niemand, der schreibt, darin gut, ohne dass er liest. „Ich habe nie in meinem Leben irgendeinen Schreibkurs gemacht, ich habe nur immer gelesen und geschrieben. Also seit meinem sechsten Lebensjahr – seitdem ich schreiben kann, schreibe ich und seitdem ich lesen kann, lese ich.“ Mehr braucht man ihrer Meinung nach nicht. Dennoch können Schreibkurse Menschen weiterbringen.

Lockdown – und jetzt?

Zum Schluss habe ich die Erlanger Autorin gefragt, wie sie die Corona-Zeit und die beiden Lockdowns erlebt hat bzw. erlebt. (Anmerkung: dieses Interview wurde im Januar 2021 durchgeführt.) „Ich traue es mich kaum zu sagen, dass ich nichts dagegen hatte. Es hat mein Leben nicht sehr viel verändert. Das heißt, ich arbeite ja sowieso viel von zu Hause. Ich habe ein großes Arbeitszimmer, ich habe meine Ruhe hier, ich kann schreiben, ich kann per Skype oder Microsoft Teams oder was immer es ist, egal, weiter Unterricht geben. Was natürlich viel anstrengender ist, als persönlich Unterricht zu halten.“

Die Erlangerin hat sich viel mit sich selbst beschäftigt, hat dabei auch das Puzzeln für sich entdeckt. Insgesamt kann sie sich nicht beklagen. „Das Einzige, was ich vermisse, ist dieses Menschliche, also mit Freunden auch den physischen Kontakt zu haben. Wenn wir uns sehen, dann geh ich, wie heute mit einer Freundin vom ‚Wortwerk‘, also von unserer Autorengruppe hier in Erlangen, spazieren, aber ich weiß, ich werde sie nicht umarmen können oder dürfen.“ Die körperliche Nähe zu den Menschen, die ihr wichtig sind, ist etwas, was ihr sehr fehlt und wo sie sich auch jetzt immer noch zurückhalten muss, um andere nicht gleich mit einer Umarmung zu begrüßen.

„Kultur leidet, darüber muss ich gar nichts sagen.“ Besonders die Lesungen fehlen der Schriftstellerin, sie vermisst es, anderen vorzulesen. Deshalb hat sie im November letzten Jahres den Podcast „Lesungen mit Nataša Dragnić“ gestartet mit Gastautoren, wie zum Beispiel auch Philip Krömer. „Ich vermisse das Lesen, ich verspreche mir davon gar nichts, es macht mir Spaß und ich hoffe, dass es ein paar Leute gibt, denen es auch Spaß macht.“

Danksagung

Nun möchte ich mich zum Schluss noch bei Nataša Dragnić bedanken, dass sie sich Zeit für mich genommen hat und somit Teil dieses Projektes wurde.
Dieses Interview war mein Letztes. Ich hoffe, euch hat das Lesen und der Blick hinter die Kulissen bei der Arbeit von Autor*innen genauso viel Spaß gemacht, wie mir das Durchführen dieses Projektes!

Und jetzt lesen:

© Stadtbibliothek Erlangen

Foto von Emilie Uhl © Stadtbibliothek ErlangenÜber die Verfasserin des Blogbeitrags: 

Hallo, ich heiße Emilie, bin 19 Jahre alt. Nach meinem Abitur letzten Jahres arbeite ich seit September 2020 hier in der Stadtbibliothek Erlangen. Es macht mir sehr viel Spaß und ich bin gerne in der Bibliothek – nicht nur beruflich, sondern auch privat.  Denn da ich in meiner Freizeit gerne lese, Filme und Serien schaue, Spiele mit Freunden und Familie mache oder neue Koch- und  Backrezepte ausprobiere, freue ich mich immer darauf, in die entsprechenden Abteilungen der Bibliothek zu gehen und Neues zu  entdecken.

                                                                                   

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