Hinter den Kulissen im Bücherbus: Interview mit Rüdiger Kunstfeld

Rüdiger Kunstfeld (c) Stadtbibliothek Erlangen

Für viele Erlanger*innen gehört er fest zu ihrem Stadtteil: Der Bücherbus (beziehungsweise die Fahrbibliothek) der Stadtbibliothek Erlangen. An Werktagen fährt er die äußeren Stadtgebiete an und stellt so die Versorgung der Erlanger*innen mit Medien sicher. (Fast) immer mit dabei ist Rüdiger Kunstfeld, der Leiter der Fahrbibliothek. Ich habe ihm einige Fragen zu seinem Beruf und dem Bücherbus gestellt.

Kannst du dich kurz vorstellen?

Ich bin Rüdiger Kunstfeld, ich bin Bibliothekar und leite die Fahrbibliothek jetzt schon eine ganze Weile, seit 16 Jahren.

Wie bist du dazu gekommen, die Fahrbibliothek zu leiten?

Die Mitarbeiter:innen der Fahrbibliohtek stehen vor dem Bücherbus© Stadtbibliothek ErlangenIch habe während meines Studiums schon zwei Praktika hier in der Stadtbibliothek Erlangen gemacht. Einmal ein Kurzpraktikum von 6 Wochen und dann mein Praxissemester. Da habe ich mich sehr gut mit der damaligen Leiterin der Fahrbibliothek verstanden und die Arbeit im Bücherbus hat mir viel Spaß gemacht. Das hat sie auch gemerkt. Da durfte ich dann viel vertreten – also die Bibliothekarin im Bus – und das habe ich sehr gerne gemacht. Letztendlich war es tatsächlich ein stückweit Zufall, weil meine Vorgängerin ein Jahr nachdem ich mit dem Studium fertig war, in den Ruhestand gegangen ist. In der Zwischenzeit hatte meine Diplomarbeit auch mit der Stabi Erlangen zu tun, deswegen hatte ich das mitbekommen. Daraufhin habe ich das Jahr, bis die Stelle frei war, so ein bisschen überbrückt und mich beworben. Ich habe wirklich darauf gepokert, weil ich diese Stelle unbedingt haben wollte. Erstens es war eine Vollzeitstelle, was sehr attraktiv war, sie war unbefristet und es gehört auch eine Teamleitung dazu, was ich gerne machen wollte. Außerdem hatte mir die Arbeit im Praktikum so viel Spaß gemacht. Deswegen habe ich im Prinzip alles auf eine Karte gesetzt, was dann zum Glück auch funktioniert hat.

Hast du einen Busführerschein?

Nein, den habe ich nicht. Ich habe zum Glück Leute, die das sehr gut können. Unser Fahrer kann das wie kein anderer.

Arbeitest du auch in der Hauptstelle?

Ein CorpusLibris mit Rüdiger als Model© Stadtbibliothek ErlangenJa, aber eingeschränkt. Grundsätzlich bin ich für den Bücherbus zuständig mit allem was so dazugehört, aber es kommt vor, dass ich in der Hauptstelle aushelfe. Allerdings nicht oft. Was häufiger vorkommt ist, dass ich in diverse Projekte hier in der Hauptstelle eingebunden bin. Zum Beispiel die Neugestaltung des Innenhofs oder das Stadtteilhaus West, da bin ich auch oft bei den Planungssitzungen dabei. Außerdem solche Sachen wie Großveranstaltungen, die alle betreffen, wie unser Jubiläum dieses Jahr.

Auch das Social-Media-Team ist ja für die ganze Bibliothek da, dazu gehöre ich auch. Da kümmere ich mich hauptverantwortlich um den Instagram-Account. Noch eine Sache, die nicht primär mit dem Bus zu tun hat, ist, die Betreuung unserer FSJler*innen beziehungsweise Bufdis. Auch wenn er*sie natürlich auch für den Bus Dinge erledigt und mich da unterstützt.

Was ist das Schönste an der Arbeit im Bücherbus?

Menschen. Das Eintauchen – wie beim stagediving. Wenn der Bus voll ist (und keine Pandemie herrscht). Ob das eine Schulklasse ist oder eine normale Haltestelle, wenn der Laden brummt und viele Menschen da sind, das ist einfach schön. Vor allem, wenn man ihnen helfen kann. Die leuchtenden Augen von Kindern, die Schnappatmung bekommen, wenn sie ihr Lieblingsbuch bekommen, das ist unbezahlbar. Und was ich sehr schätze – das würde ich in einer sehr großen Bibliothek wirklich vermissen, wenn ich permanent andere Leser*innen hätte – ich habe schon viele Leute begleitet, dadurch, dass ich das seit 16 Jahren mache. Es waren total schöne Momente dabei. Ich kenne Kinder, die jetzt 15 sind, die habe ich noch im dicken Bauch wahrgenommen. Dieses Wachsen zu sehen ist sehr schön. Es kann aber auch traurig sein. Es kommt natürlich auch vor, dass ein*e Angehörige*r den Bus komplett in schwarz betritt und das ist sehr traurig. Bei einer Leserin, die vor kurzem gestorben ist, war ich dann mit dem Sohn auf der Beerdigung, weil ich sie so lange kannte und mochte. Und dieses Anteil nehmen, dieses Dabeisein, das ist für mich mit nichts zu bezahlen. Das ist genau das, was mir nach der Arbeit ein tolles Gefühl gibt. Dass du sagst, du hast etwas für Menschen, die du kennst und magst – manche auch, die du nicht so magst, das kommt natürlich auch vor – getan. Und das ist genau der Grund, warum ich es immer noch mache und warum es auch nicht langweilig wird.

Wie entscheidest du, welche Bücher du kaufst?

Das ist immer sehr schwer für mich, natürlich hängt das wie bei vielem so ein bisschen am Geld. Wobei mein Etat im Prinzip reicht, das ist nicht das Hauptproblem. Das Problem ist, dass es so viel gibt. Da ist es schon für eine normale Bibliothek schwierig, eine gute Auswahl zu treffen, die dann auch von den Leser*innen angenommen wird. Ich habe das Gefühl, dass ich durch den Platzmangel eine Auswahl der Auswahl der Auswahl treffen muss und das fällt mir dann immer sehr schwer, weil es so viele tolle Medien gibt und ich wirklich nur einen Bruchteil kaufen kann. Da ist wie gesagt das Geld nicht mal das kleinste Nadelöhr, sondern der Platz, den ich im Bücherbus zur Verfügung habe. Das Meiste ist natürlich unterwegs, aber auf spezielle Titel, die vielleicht wichtig wären, verzichte ich, wenn ich weiß, es wird nur wenige Leser*innen erreichen, weil es ein sehr spezielles – wenn auch wichtiges – Thema ist. Ich versuche das dann lieber anderweitig zu vermitteln, indem ich es den Leuten proaktiv aus der Hauptstelle mitbringe. So versuche ich das ein bisschen zu kompensieren, es ist aber schwer. Ich hätte gerne einen diverseren Bestand, aber das gibt der Platz nicht her. Dann hätte ich zu viele „Ladenhüter“.

Was gehört zu deinen Aufgaben im Bus?

Rüdiger an seinem Platz im Bücherbus © Stadtbibliothek ErlangenVerantwortlich fühle ich mich für alles, was dort passiert, aber meine Kernaufgabe ist die Beratung. Es ist wie an der Informationstheke in der Hauptstelle, die Leser*innen kommen mit Fragen aller Art zu mir. Von „Wo kommen diese Gebühren her?“ bis zu „Ich brauche mal einen schönen Roman für die Woche“ oder speziellen Fragen zur Problemen bei der Onleihe. Was eben so anfällt. Das ist die Kernaufgabe. Außerdem bestelle ich alle Medien aus der Hauptstelle, die die Leser*innen gerne haben möchten und die ich im Bus nicht habe. Mein Bestand ist eben begrenzt, vor allem das, was ich mit mir im Fahrzeug führen kann.

Ich arbeite aber auch gerne mit den Händen, wenn irgendwo ein Schräubchen anzuziehen ist oder etwas zu reparieren. Aufräumen gehört  dazu, weil es mir wichtig ist, dass alles gut aussieht.

Und dann übernehme ich noch die Interessensvertretung nach außen für die Fahrbibliothek. Wir haben zum Beispiel oft Probleme mit Falschparker*innen – an dieser Stelle Appell an die Erlanger Stadtbevölkerung, die Haltestelle des Bücherbusses doch in den gewissen Zeiträumen freizulassen, danke! 😉 – dann telefoniere ich mit der Polizei. Oder ich spreche die Leute an, ob sie nicht woanders parken können. Im Prinzip fühle ich mich also für alles verantwortlich, was in diesem Fahrzeug passiert, sowohl das Fahrzeug selber betreffend, als auch in Bezug auf die Leser*innen.

Was gehört nicht zu deinen Aufgaben im Bus?

Theoretisch ist natürlich das Ausleihen nicht mein Job, weil das eine Kollegin von mir und unser Fahrer machen. Sie kümmern sich um Ausleihe und Rückgabe und solche Sachen wie Verlängern. Das ist grundsätzlich nicht meine Aufgabe, das mache ich halt noch ab und zu mit, damit ich das Verständnis für die Abläufe in dem Bereich nicht verliere.

Und das Fahren des Fahrzeugs gehört nicht zu meinen Aufgaben.

Was machst du vormittags, wenn der Bus nicht fährt?

Viele Dinge. Grundsätzlich muss man natürlich den Normalfall unterscheiden von dem Spezialfall, den wir gerade haben. Jetzt im Spezialfall besteht der größte Teil meines Vormittags daraus, die Medienpakete zusammenzustellen. Da habe ich immer Unterstützung, wofür ich sehr dankbar bin, aber die Medien zu recherchieren, rauszusuchen, zu verbuchen und einzutüten, nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Normalerweise würden die Leute in den Bus reingehen, sich umsehen, würden sich was aussuchen, an die Ausleihe gehen und ausleihen. Da bekomme ich höchstens mal die Frage „Haben Sie das zufällig da?“ und dann bestelle ich das vor und das war‘s. Jetzt verlagert sich sehr viel Arbeit vom Bus ins Büro. Das zehrt momentan so ein bisschen an meiner Zeit.

Wenn ich vom Normalfall ausgehe, kümmere ich mich um solche Sachen wie die Erwerbung, das Einkaufen neuer Medien. Das mache ich natürlich jetzt auch noch nebenbei.

Rüdiger an seinem Platz im Büro © Stadtbibliothek ErlangenDann kümmere ich mich natürlich um die Belange meine*r*s BFDler*in, wenn da etwas ansteht. Ein bisschen Verwaltungsarbeit vom Bücherbus ist auch dabei. Dinge wie Parkgenehmigungen, oder Problemlösungen bei der EDV, aktuell funktioniert zum Beispiel ein Barcode-Scanner nicht. Da mache ich dann ein Ticket auf und teste, wo der Fehler liegen könnte. Auch Veranstaltungsarbeit wie Ausstellungen und Klassenführungen bereite ich im Büro vor.

Das sind so klassische Bürosachen und dazu kommen noch die Dinge, die nicht speziell für die Fahrbibliothek sind. Projekte, die gerade laufen, Social Media, Besprechungen, also das Alltagsgeschäft.

Wie viele Medien passen in den Bücherbus?

Ungefähr 4.500 Medieneinheiten. Wenn wir ihn richtig vollmachen mit vielen CDs, die wenig Platz brauchen, dann sind es auch 5.000.

Wo sind die Medien, die nicht in den Bücherbus passen?

Das Magazin des Bücherbus CC0Ich habe bei mir im Büro einen Magazinbestand. Wie groß der ist, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Ich habe zwar einen Gesamtbestand von 16.000-17.000 Medien und wir wissen ja, 4.500 sind im Bus, aber ich muss davon abziehen, was unterwegs ist und das ist durchaus eine sehr große Menge, im Normalfall sogar der größte Teil. Deswegen kann ich gar nicht genau sagen, wie viel aktuell im Magazin ist. Und diesen Magazinbestand habe ich, weil die Medien ja irgendwohin müssen, wenn der Bus voll ist. Die werden im Magazin (für eine Weile) aufgehoben und kommen bei Nachfragen wieder ins Fahrzeug. Wenn zum Beispiel ein Kindergarten richtig viel ausgeliehen hat, dann wird mit dem Magazinbestand wieder nachgefüllt. Ich fülle einerseits mit Medien aus dem Magazin nach und dann natürlich mit Medien, die frisch abgegeben wurden. So habe ich eine gute Mischung, weil ja nicht immer das gleiche in den Regalen stehen soll. Und dadurch, dass auch immer neu erworbene dazukommen, mischt sich das von selbst. Ich muss also nicht gezielt nachsteuern und zum Beispiel auf einmal 60 neue Krimis mitnehmen.

Was sollte jede*r über den Bücherbus wissen?

Wenn man den persönlichen Kontakt mag, statt anonymisierte Verfahren, dann ist der Bücherbus das Richtige. Sowohl für Leser*innen als auch für Mitarbeiter*innen. Es ist ein Treffpunkt, wo sich die Leute oft sowieso schon kennen, weil sie natürlich alle aus dem gleichen Stadtteil beziehungsweise Ort kommen, im Gegensatz zur Hauptstelle, wo sie aus ganz Erlangen reinfahren. Wenn man auf dieses familiäre Zusammenkommen in Kombination mit Bibliothek steht, dann ist das genau das Richtige für einen.

The following two tabs change content below.

Julia

Nach den Stationen Praktikum, FSJ und Aushilfskraft lässt die Stabi mich einfach nicht los und ich bleibe ihr als Auszubildende treu. Für ein gutes Buch kann ich schon mal eine Nacht durchmachen. Ich schaue gerne Serien und Fußball und kann mich stundenlang über die neuesten Fantasy- und Marvel-Blockbuster unterhalten. #Büchersüchtige #Tolkienfangirl #Bastelkönigin #Musicalliebhaberin

3 Kommentare zu „Hinter den Kulissen im Bücherbus: Interview mit Rüdiger Kunstfeld“

  1. Julia: Wie immer toll geschrieben.
    Rüdiger: Danke für das Kompliment.
    Wir sind halt ein super Team zusammen.
    Viele Grüße vom Bücherbusfahrer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.